Die Entwicklung der Kriegskunst im Kriege Flanderns um seine Unabhängigkeit (1300 - 1302).

Im 12. und 13. Jahrhundert setzte eine rasche industrielle Entwicklung Flanderns ein. Es entstand eine Textilindustrie. Brügge, Gent, Ypern und andere flandrische Städte entwickelten sich zu bedeutenden Industrie-, Handels- und Kulturzentren. Es gelang ihnen, die Unabhängigkeit in den Feudalherren zu erringen. Bauernbünde entstanden, die sich die Befreiung der Bauern von der feudalen Abhängigkeit zum Ziel setzten. Das Patriziat (die städtische Aristokratie) nutzte den Sieg der städtischen Massen aus und ergriff die Macht. Das forderte den Kampf der Handwerker, Handwerksgesellen und Plebejer heraus. Das Patriziat wandte sich an den König von Frankreich um Hilfe. Philipp IV. benutzte diesen Umstand zur Annexion Flanderns,- er führte drückende Steuern ein. Das rief die Empörung der breiten Volksmassen hervor. 1301 erhoben sich die Handwerker der Stadt Brügge und verlangten die Abschaffung der Kriegssteuern. Die französischen Feudalherren konnten den Aufstand zwar unterdrücken, doch nur für kurze Zeit. Im Mai 1302 kam es zur sogenannten Brügger Mette, auf der die gesamte 3000 Mann starke französische Besatzung von Brügge durch die aufständischen Städter niedergemacht wurde. Das war das Signal zur allgemeinen Erhebung Flanderns gegen den König von Frankreich. Den städtischen Massen schlossen sich die Bauern an, die gegen die feudale Unterdrückung protestierten. Der Kampf der städtischen Zünfte richtete sich gleichzeitig gegen das Patriziat; das komplizierte die politischen Kämpfe.

An der Spitze der städtischen Volksmassen Flanderns standen die Einwohner von Brügge und Gent; sie belagerten die letzten durch die Franzosen behaupteten Schlösser und Burgen Courtrai und Cassel. Die Aufständischen führte der Brügger Bürger Peter König. Dem flandrischen Heer gehörten insgesamt etwa zehn Ritter an (die beiden kommandierenden Grafen mit ihrer Gefolgschaft), der Rest war Fußvolk. Es bestand aus Bogen- und Armbrustschützen, Pikenieren, die zum Teil mit Goedendags ausgerüstet waren, und aus mit Streitkeulen bewaffneten Kriegern. Über den Goedendag herrschen verschiedene Meinungen. So soll es sich um eine Art Hellebarde gehandelt haben, während andere ihn als eine lange, schwere Picke, die auch als Streitkeule benutzt werden konnte, ansehen.

Der König von Frankreich setzte ein durch Söldner, Armbrustschützen und spanische Wurfspießschleuderer verstärktes Feudalaufgebot gegen Flandern ein. Den Oberbefehl über das Heer führte der Graf von Artois. In einigen Quellen wird die Stärke der Franzosen mit 47 000 Mann angegeben. Diese Zahl ist jedoch, auch wenn die Söldner berücksichtigt werden, für ein Feudalheer zu hoch angesetzt. Wahrscheinlich hatten die Franzosen nicht über 7500 Reiter und 3000 bis 5000 Mann Söldnerfußvolk, das heißt insgesamt nicht über 10 000 bis 12 000 Mann.

Als die Flamen vom Vormarsch des Gegners erfuhren, hoben sie die Belagerung der Burg Cassel auf und konzentrierten sich bei Courtrai, um dort eine Schlacht zu liefern. Die Flamen waren ihrem Gegner zahlenmäßig überlegen (l 3 000 bis 20000 Mann).

Das flandrische Heer bezog an der Krümmung der Lys eine starke Verteidigungsstellung. Es hatte einen 2,5 bis 3 Meter breiten und etwa l ,5 Meter tiefen Bach, den Gröningen, vor sich, dessen sumpfige Ufer die Aktionen der Ritter erschwerten. Ferner hatten die Flamen an seinem rechten Ufer Wolfsgruben angelegt. Die linke Flanke ihrer Stellung wurde durch die Krümmung der Lys gedeckt, hinter der die Stadt lag; den linken Flügel schützte ein befestigtes Kloster. Im Rücken des Heeres befand sich die Lys, die nicht durchwatet werden konnte. Die gesamte Stellung war etwa über einen Kilometer lang, während ihre größte Tiefe 500 bis 600 Meter erreichte. Sie war für einen Verteidigungskampf geeignet, schloß aber jeden Rückzug aus. Im Rücken der linken Flanke befand sich außerdem die Burg von Courtrai mit der französischen Besatzung, die im entscheidenden Augenblick der Schlacht einen Ausfall unternehmen konnte.

Die Schlachtordnung der Flamen stellte eine Phalanx dar. Die Anzahl der Glieder dieser Phalanx ist unbekannt. „Die Brügger bildeten eine einzige Schlachtlinie, schickten die Schützen vor, dann - in abwechselnder Reihenfolge - die Leute mit den Spießen und eisernen Keulen und später die übrigen."1 Als Kampf Sicherung wurden Bogenschützen über den Bach geschickt. Die kommandierenden Grafen mit ihren Rittern saßen ab und nahmen im Zentrum der Phalanx Aufstellung. Gegenüber der Burg nahm eine Abteilung der Bürgerschaft Yperns Aufstellung, um zu verhindern, daß die französische Besatzung der Phalanx während der Schlacht in den Rücken fiel. Unter der Führung eines erfahrenen Ritters wurde eine besondere Abteilung als Reserve gebildet. So besaß die Schlachtordnung eine taktische Tiefe, und die Flanken stützten sich auf natürliche Hindernisse. Die Krieger erhielten den Befehl, auf die Pferde der Ritter zu zielen.

Das französische Heer verharrte mehrere Tage lang unentschlossen einen Kilometer südlich von Courtrai. Am 11. Juli 1302 entschloß sich Artois, obwohl er die Stärke der feindlichen Stellung erkannt hatte, die Flamen anzugreifen. Seine genuesischen Armbrustschützen und spanischen Wurfspießschleuderer gingen voran, die Ritter folgten, eine kleinere Abteilung von Rittern blieb in Reserve.

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Die erste Etappe der Schlacht - die Eröffnung der Schlacht durch die Vorhuten.

Die Armbrustschützen und Wurfspießschleuderer entfalteten sich an der gesamten flandrischen Front, griffen die feindlichen Schützen an und trieben sie zurück. Darauf beschossen sie die Flanke der Flamen, die sich aus der Feuerlinie entfernte, indem sie ein kleines Stück zurückging.

Die zweite Etappe der Schlacht - der Angriff der Ritter und der Gegenangriff der Flamen.

Der Graf von Artois befahl den Armbrustern, sich zurückzuziehen, und den Rittern, durch das eigene Fußvolk hindurchzureiten, um die Flanken des Gegners anzugreifen. Dieses Manöver brachte die Reihen der Ritter durcheinander, ein Teil der Genueser wurde durch die eigene Reiterei überritten. In dem Augenblick, als die Ritter über den Fluß setzten, stürzte die flandrische Phalanx völlig unerwartet zum Gegenangriff vor. An der gesamten Front kam es zum Nahkampf.

Die dritte Etappe der Schlacht - die Niederlage der Franzosen.

Die französischen Ritter durchbrachen das Zentrum der flandrischen Phalanx, wurden jedoch von den Reserven der Flamen angegriffen und zurückgeworfen. Das gleiche Schicksal ereilte die Flanken des französischen Heeres, das bis hinter den Bach zurückgehen mußte. Dann setzte die Verfolgung und Vernichtung der Ritter ein. Die Flamen hatten den Befehl erhalten, aufeinander zu achten und jeden, der Pardon gab oder Beute machte, sofort niederzustechen. Gleichzeitig schlug die Abteilung aus Ypern einen Ausfall der Schloßbesatzung zurück.

Das französische Heer erlitt eine völlige Niederlage. Allein 4000 Ritter kamen ums Leben. Die Flamen nahmen den getöteten Rittern 700 vergoldete Rittersporen ab und hängten sie zum Andenken ihres Sieges in der Kirche auf. So erhielt die Schlacht bei Courtrai die Bezeichnung „Sporenschlacht". Die Franzosen mußten Flandern räumen. Philipp IV. verzichtete auf die Eroberung des Landes und behauptete nur einige im Süden gelegene Städte. Das war das politische Ergebnis des flandrischen Sieges - eines Sieges der neuen bürgerlichen Streitkräfte über die feudalen.

Die Flamen kämpften um ihre Freiheit und Unabhängigkeit. Ihr Aufstand trug daher allgemeinen Charakter; er einigte Städter und Bauern zum Kampf gegen die Träger der Feudalordnung.

In diesem Kampf schlug das neue, gut organisierte Fußvolk der Städter und Bauern die Ritter. Es wurde offenkundig, daß geschlossene Massen des Fußvolks den Rittern erfolgreich Widerstand zu leisten und sogar zum Gegenangriff überzugehen vermochten. Es zeigte sich, daß ein mit seinem Goedendag bewaffneter Flame zwei Rittern zu Pferde widerstehen konnte. Darin bestand die moralische Bedeutung des Sieges von Courtrai.

Die flandrische Schlachtordnung hatte sich als fähig erwiesen, auf dem Schlachtfeld zu manövrieren. Die Phalanx verstand es, sich geordnet zurückzuziehen, um die gefährdete Zone zu verlassen, und dann stürmisch die feindliche Reiterei anzugreifen. Durch die Bildung und den rechtzeitigen Einsatz der Reserven gelang es den Flamen, den Durchbruch im Zentrum der Phalanx abzuriegeln und den Ausfall der Burgbesatzung zurückzuschlagen. Die taktische Tiefe sicherte die Standfestigkeit der flandrischen Schlachtordnung.

Die Schlacht bei Courtrai gehört zu den seltenen Beispielen, wo eine Defensivschlacht zum völligen Sieg führte.

 

1 Delbrück, 3. Teil, S. 447.