Die Kriegskunst in den Kriegen der Deutschen gegen die Ungarn

( Lechfeld 955 n.Chr. ) 

 

Karte der Schlacht

Die Schlacht

Allgemeines - Die Feudalkriege strebten strategisch keine entscheidenden Ziele an. Ganze Kampagnen wurden nur unternommen, um sich irgendeiner Ortschaft zu bemächtigen. Während der Kämpfe gab es kaum Verluste. Im Treffen bei Bremule (1119) zwischen französischen und englischen Feudalherren, an dem höchstens 900 Ritter teilnahmen, wurden nur 3 getötet und 140 gefangengenommen; aber das galt bereits als erbitterte Schlacht. Dennoch waren diese Feudalkriege nicht unblutig. Die Gesamtzahl der Opfer der kleinen Raubüberfälle war sehr groß.

An der Wende des 9. Jahrhunderts nomadisierten im nördlichen Schwarzmeergebiet die nach Ansicht vieler Historiker aus Zentralasien stammenden Ungarn (Magyaren), die unter dem Druck der Petschenegen weiter nach Mittel- und Westeuropa vorstießen. Anfang des 10. Jahrhunderts besiegten sie das Großmährische Reich, Bayern, Schwaben, Italien und Burgund und unternahmen Einfälle bis nach Lothringen. Darauf drangen sie in Sachsen ein.

Hauptbeschäftigung der Ungarn war die Viehzucht, vor allem befaßten sie sich mit Pferdezucht. Sie besaßen daher eine starke und sehr bewegliche Reiterei. Im 9. Jahrhundert löste sich bei den Ungarn die Gentilverfassung auf.

Nach dem Vertrag von Verdun wurde Deutschland zum selbständigen Staat. Es bestand zunächst aus den Herzogtümern Schwaben, Bayern, Franken, Sachsen; in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts kam noch Lothringen hinzu. Die vielstämmige Bevölkerung war weder ethnisch noch politisch einheitlich. Daher verlief der Feudalisierungsprozeß in Deutschland ungleichmäßig. Die Markgenossenschaften leisteten den Grundherren noch harten Widerstand. Deshalb war das deutsche Fußvolk nach wie vor die wichtigste Waffengattung.

Weder im Osten noch auf deutschem Gebiet existierten befestigte und von Steinmauern umgebene Städte; nur hier und dort standen vereinzelte Burgen. Unter Heinrich I. aus der sächsischen Dynastie (919-936) wurden die Sachsen gezwungen, zum Schutze des Landes mit Steinmauern befestigte Siedlungen zu bauen. Gleichzeitig entstand eine neue Reiterei, die den Ungarn erfolgreich die Stirn bot.

Die sächsische Dynastie führte, gestützt auf die mittleren und kleinen Feudalherren sowie auf die Kirche, den Kampf um die Festigung des Königtums in Deutschland. Die gemeinsame Abwehr der ungarischen Einfälle und die Eroberungskriege gegen die Westslawen trugen zur Stärkung der Zentralgewalt bei. Die Kriege gegen die Ungarn wirkten sich auf die Entwicklung der bewaffneten Organisation in Deutschland aus. 

Die Schlacht auf dem Lechfeld (955). Nach einem neuen Einfall belagerten die Ungarn das gutbefestigte Augsburg. Die Stadt wurde von einer Kriegsschar unter dem Befehl des Bischofs verteidigt. (Bei einem Ausfall führte er sie persönlich, im geistlichen Ornat, ohne Helm und Panzer in den Kampf.) Da sich die Stadt nicht mehr länger halten konnte, mußten dringende Maßnahmen zu ihrem Entsatz getroffen werden.

König Otto 1. (936‑973) war zu dieser Zeit durch die Unterdrückung eines Aufstandes seiner Söhne in Anspruch genommen. Nach Sachsen zurückgekehrt, begann er, ein Heer zum Entsatz Augsburgs zu sammeln. Die Situation wurde erschwert, weil die Sachsen zu dieser Zeit in einen Krieg gegen die Slawen verwickelt waren: Otto gelang es dennoch, 7000 bis 8000 Ritter zusammenzubringen. Diese Zahl enthielt noch die berittene und unberittene Dienerschaft, die allerdings keinerlei militärische Bedeutung hatten.

Ob die Zahl der Ungarn, die nach den deutschen Chronisten natürlich ins Ungeheuerliche geht, größer oder kleiner gewesen ist, müssen wir dahingestellt sein lassen. Ottos Heer bestand aus acht Abteilungen: Die ersten drei stellten die Bayern, die vierte die Franken, die fünfte und zahlenmäßig stärkste der König selbst, die sechste und siebente die Schwaben und die achte die Tschechen (insgesamt tausend Reiter).

Die Schlacht ist nicht der Prüfstein für eine richtige Strategie, sondern das Mittel, um das strategische Ziel zu erreichen, das durch die Politik gegeben ist. Die Schlacht auf dem Lechfeld hatte das Ziel, Augsburg zu entsetzen und den Einfall der Ungarn abzuwehren. Darin bestand ihre durch die politische Situation bestimmte strategische Bedeutung.

Wahrscheinlich war Otto I. bemüht, sein Heer in Bayern zusammenzuziehen, um den Ungarn den Rückzugsweg abzuschneiden und sie entscheidend zu schlagen. Die Sachsen und Lothringer trafen zu spät am Sammelpunkt ein, um an der Schlacht noch teilnehmen zu können.

 

Die erste Etappe der Schlacht - der Kampf der Ungarn gegen die deutschen Vortrupps.

Als man in Augsburg von der Annäherung des Heeres unter der Führung Ottos erfuhr, verließ eine Abteilung Ritter die Stadt, um ihm entgegenzuziehen. Diese Tatsache beweist, daß der Einschließungsgürtel um die Stadt lückenhaft war. Das deutsche Heer rückte mit den Bayern an der Spitze von Norden an Die Ungarn ließen einen Teil ihrer Truppen zum Schutz ihres Lagers sowie für den Einschließungsring um Augsburg zurück und wandten sich gegen die Deutschen. Einen ungarischen Angriff schlugen die Bayern ab, und die Ungarn zogen sich in ihr Lager vor Augsburg zurück. Die deutschen Ritter waren stärker als die leichte ungarische Reiterei.

Die zweite Etappe der Schlacht - die Niederlage der Ungarn.

Nach der Abwehr des ungarischen Angriffs eilte das deutsche Heer nach Süden, um dem Gegner am Übergang des Lechs den Rückzugsweg abzuschneiden. Dort stießen am nächsten Tag offenbar die Hauptkräfte zusammen. Alle Versuche der Ungarn, über den Fluß zu setzen, wurden vereitelt. Der Stützpunkt der deutschen Ritter war der Hügel Gunzenle am Ostufer des Lechs, sechs Kilometer oberhalb von Augsburg.

Eine ungarische Reiterabteilung umging die rechte Flanke der Schlachtordnung des deutschen Heeres, stürzte sich auf das feindliche Lager und überrannte die tschechische Ritterschar. Die zu Hilfe geeilten Franken konnten aber den ungarischen Angriff zurückschlagen.

Trotz hartnäckigen Widerstandes mußten die Ungarn weichen. Otto befahl, die Verfolgung der Überreste des geschlagenen Gegners aufzunehmen. Die Tschechen und Bayern nahmen viele Angehörige des ungarischen Adels, darunter auch den König, gefangen. Die Gefangenen wurden von den Bayern gehängt.

Fazit:

Die politische Folge dieses Sieges war, daß die Ungarn nie mehr versuchten in das Land einzudringen. Als die Ungarn allmählich seßhaft wurden, hörten ihre Einfälle in die Nachbarländer endgültig auf.

Das strategische Ziel des deutschen Heeres war, den Gegner nicht zu verdrängen, sondern zu vernichten. Deshalb schnitten die Deutschen den Ungarn die Rückzugswege ab. Dadurch fand die Schlacht in umgekehrter Front statt.

Vom Taktischen ist das Zusammenwirken und die gegenseitige Hilfe der einzelnen deutschen Abteilungen hervorzuheben. Daran scheiterte das Manöver der ungarischen Reiterei, die dem deutschen Heer in den Rücken fallen wollte. Die Deutschen nutzten den Lech, den die Ungarn unter der Gegenwirkung der deutschen Ritter überschreiten mußten, geschickt als natürliches Hindernis aus. Schließlich wurde die Verfolgung der geschlagenen Ungarn nur dadurch ermöglicht, daß das deutsche Heer vorwiegend aus einer sehr beweglichen Reiterei bestand.

 

   

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