Die Kriegskunst in den Kriegen der Franken mit den Arabern

 

Karte Frankenreich

Stammtafel

Die durch Eroberungen entstandenen Barbarenreiche waren keine stabilen politischen Gebilde. Nach dem Tode Chlodwigs erstarkte die Macht der hohen Adligen, während das Königtum seine ursprüngliche Bedeutung einbüßte. Im 6. Jahrhundert begannen sich drei Hauptteile vom Frankenstaat abzusondern, die sich später in einzelne Königreiche verwandelten: Neustrien (Nordwestgallien mit Paris), Austrasien (der nordöstliche Teil) und Burgund. Im 7. Jahrhundert waren die Merowinger wirtschaftlich und politisch von den Majoresdomus abhängig. Die Nachbarn der Franken nutzten die herrschenden Fehden und den Zerfall des fränkischen Reiches aus. Die Sachsen drangen in die Rheingebiete ein, die Awaren ließen sich in Bayern nieder, und vom Süden rückten die Araber gegen die Loire vor.

714 kam Karl Martell an die Macht, zu einer Zeit, als schwere Kämpfe das fränkische Reich bedrängten. Er stützte sich vornehmlich auf die freien Bauern und die mittleren Grundherren Austrasiens. Durch Feldzüge gegen die Bayern, Friesen, Alemannen und nach Aquitanien festigte er die außenpolitische Lage des Reiches.

 

Um seine Streitkräfte zu stärken, mußte Karl eine wichtige Reform durchführen. An die Stelle der bisherigen königlichen Schenkungen von Grundbesitz als Privateigentum trat das Lehen (Benefizium). Personen, denen Karl Land verlieh, waren verpflichtet, beritten und mit ihrer vollständigen Kampfausrüstung beim König Kriegsdienste zu leisten. Diese Reform festigte die Stellung der mittleren Grundbesitzer. Sie stellten die Hauptmasse des berittenen Aufgebots, und als die Vorläufer der späteren Ritter bildeten sie die schwerbewaffnete Reiterei. Die Schutzausrüstung wurde verbessert; lange Schilde, Helme sowie Ring- und Kettenpanzer kamen in Gebrauch. Große Bogen und Armbrüste ergänzten die Bewaffnung. Obwohl sich die Zahl der Reiter erhöhte, blieb das Fußvolk noch die Hauptwaffengattung.

Im 8. Jahrhundert bedrohten die Araber die Südgrenzen des Reiches, nachdem sie den gesamten Nahen Osten und Afrika unterworfen, die Straße von Gibraltar überquert (711) und Spanien erobert hatten. Die arabische Reiterei in Spanien bestand teilweise aus nordafrikanischen Nomaden (Berbern), die vorzügliche Reiter, sichere Bogenschützen und tapfere, ausdauernde Krieger waren:

732 überschritt ein arabisches Heer, dessen Zahl in der Chronik stark übertrieben mit 400 000 Mann angegeben wird, die Pyrenäen, drang in Gallien ein, eroberte Poitiers und wandte sich gegen Tours. Ihm stellten sich 30 000 Mann fränkische Truppen, einschließlich eines gewissen Teils schwere Reiterei, entgegen.

 

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Die Schlacht bei Poitiers (732)

Wo sich die alte Römerstraße mit der Vienne schneidet, verlegten die Franken den Arabern den Weg nach Tours. Karl kannte die Eigenschaften des Gegners und dessen Kampfmethoden. Er beschloß, eine Abwehrschlacht zu liefern, da die Eigenart des Geländes die Aktionen der arabischen Reiterei behindern mußte. Das fränkische Heer nahm zwischen den Flüssen Clain und Vienne Aufstellung, die gleichzeitig seine Flanken schützten. Den Rückhalt der Schlachtordnung bildete das Fußvolk in einer kompakten Phalanx; an seinen Flanken verteilte sich die Reiterei.

Angesichts der starken gegnerischen Stellung konnten sich die Araber tagelang nicht zum Angriff entschließen. Doch dann eröffneten sie in Schlachtordnung den Kampf.

Die erste Etappe der Schlacht - die Abwehr der arabischen Attacken durch das fränkische Fußvolk.

Das fränkische Fußvolk schlug die Angriffe der arabischen Reiterei erfolgreich zurück. Nach Berichten eines spanischen Chronisten und Zeitgenossen ;,standen die Franken, soweit das Auge reichte, dicht gedrängt, Mann an Mann, gleich einer unbeweglichen und vereisten Mauer. Sie kämpften erbittert und streckten die Araber mit ihren Schwertern nieder." Obwohl die Araber in mehreren Wellen den Gegner berannten, blieb ihnen der Erfolg versagt, und ihre Verluste stiegen.

Die zweite Etappe der Schlacht - der Gegenangriff der fränkischen Reiterei und die Niederlage der Araber.

Karl beschloß, die errungenen Erfolge auszunutzen. Die fränkische Ritterschaft unter Eudes, dem Herzog von Aquitanien, durchbrach die Reihen der Mauren und nahm ihr Lager. Doch eine solche Truppe war nicht zur Verfolgung geeignet, und die Araber konnten sich daher unter dem Schutz ihrer unermüdlichen irregulären Reiterei unbehelligt nach Spanien zurückziehen. 

Der Sieg der Franken verhinderte die Eroberung Europas durch die Araber. (Karl erhielt den Beinamen Martell, der Hammer, der den Feind schonungslos zur Strecke bringt.) Der Erfolg der Franken war vor allem durch den Charakter des Krieges bedingt. Es war ein Kampf gegen Eroberer, die die Unabhängigkeit des Frankenstaates bedrohten.

Die Stärke der Franken lag in ihrem Fußvolk, das sich noch aus freien Bauern rekrutierte. Es focht in tiefer Schlachtordnung, an der die Angriffe der leichten arabischen Reiterei zerschellten. Die Geschlossenheit und Zähigkeit des Fußvolks im Kampf waren noch Überbleibsel der Gentilgesellschaft und ihrer entsprechenden Organisation. Diese Gründe erklären den Sieg über die leichte orientalische Reiterei.

                                                                gens d'armes

Unter Karl Martell entstand die Grundlage für die schwere Reiterei; ihre Bedeutung erhöhte sich rasch im Laufe der Entwicklung des Feudalismus. Das Benefizium sicherte zwar dem König seine Reiterei, verwandelte aber die freien fränkischen Bauern in Hörige der Benefiziare. Das Aufkommen einer eroberungslustigen Aristokratie germanischen Ursprungs in allen Ländern Westeuropas führte zu einer neuen Epoche in der Geschichte der Kavallerie. Der Adel wandte sich überall der Reiterei zu und bildete unter der Bezeichnung Geharnischte (gens d'armes) eine Reitertruppe schwerster Art, in der nicht nur die Reiter, sondern auch die Pferde mit Metallharnischen gepanzert waren. Die erste Schlacht, in der eine solche Kavallerie auftrat, war die bei Poitiers, wo Karl Martell 732 die Flut der arabischen Invasion zurückschlug ... Diese Schlacht ist der Beginn einer Reihe von Kriegen, in denen die massive, aber schwerfällige reguläre Kavallerie des Westens die beweglichen Irregulären des Ostens mit wechselndem Erfolg bekämpfte.