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Sedan 1870
Die Schlacht bei Sedan am 1.September 1870 war eins der wichtigsten militärischen Ereignisse im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Die bewaffnete Auseinandersetzung zwischen dem französischen Kaiserreich, an dessen Spitze Napoleon III. (1808-1873) stand, und dem Königreich Preußen und seinen deutschen Verbündeten war von beiden Seiten seit Jahren vorbereitet worden. Mißtrauisch beobachtete die französische Bourgeoisie das Erstarken des preußischen Staates, der nach dem siegreichen Krieg gegen Österreich 1866 den Norddeutschen Bund schuf und enge politische, wirtschaftliche und militärische Kontakte zu den süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg und Baden herstellte. Unter der Vorherrschaft der preußischen Krone sollte die damals historisch notwendige Bildung eines deutschen Einheitsstaates erfolgen. Das war das Ziel der politischen Aktivitäten des preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck (1815-1898), der 1862 erklärt hatte: „Preußens Grenzen ... sind zu einem gesunden Staatsleben nicht günstig; nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden ..., sondern durch Eisen und Blut."1 Diese auf den Krieg zielende Politik der preußischen Krone, die Bismarck tatkräftig betrieb, stieß auf den Widerstand Napoleons III. und der herrschenden Kreise Frankreichs, die daran interessiert waren, daß die territorialstaatliche Zersplitterung Deutschlands erhalten blieb. Immer wieder kam es in den Jahren vor 1870 zu politisch-diplomatischen Streitigkeiten zwischen beiden Staaten, die Anlaß für einen Krieg boten. Der schwelende Konflikt entzündete sich an der Thronfolge in Spanien. 1868 hatte in diesem Land eine bürgerliche Revolution die alte Dynastie entmachtet, 2 Jahre später trug die spanische Regierung einem Prinzen aus dem Haus Hohenzollern die Krone an. Auf französischen Protest hin zog dieser Kronanwärter seine Kandidatur zurück. Bei dem diplomatischen Handel hatten der preußische König Wilhelm I. (1797-1888), der Hof und Bismarck ihre Hände im Spiel. Als Blitz in den Wolken des drohenden Kriegsgewitters wirkte eine verfälschte Depesche über eine Unterredung zwischen Wilhelm I. und dem französischen Botschafter in Berlin. Darin hatte Bismarck die ablehnende Stellungnahme des preußischen Königs zu einem generellen Verzicht eines Hohenzollern auf den spanischen Thron in einer für Frankreich beleidigenden Form veröffentlicht. Daraufhin erklärte am 19. Juli 1870 Frankreich dem Norddeutschen Bund den Krieg. Entgegen den Erwartungen der französischen Regierung traten die süddeutschen Staaten an die Seite des von Preußen geführten Norddeutschen Bundes.
Das militärische Kräfteverhältnis war für die deutsche Seite günstig. Deshalb plante der preußische Generalstabschef General Helmuth Graf von Moltke (1800-1891) eine Offensive aus der Pfalz nach Elsaß-Lothringen, um der dort konzentrierten französischen Streitmacht, von der man einen Angriff in Richtung auf den Main erwartete, in die Flanke und in den Rücken zu fallen. Die preußische Führung hatte den Aufmarsch der Truppen sorgfältig vorbereitet. Anfang August standen sich folgende Kräfte gegenüber:
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Deutsches Feldheer |
Französische Rheinarmee |
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1., 2., 3. Armee und Reserven in |
Garde, 7 Korps sowie Kavallerie-, |
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deutschen Staaten |
Pionier- und Artilleriereserven Pionier- und Artilleriereserven |
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461650 Mann |
210050 Mann |
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1584 Geschütze |
780 Geschütze |
Am 4. August 1870 überschritt die deutsche 3. Armee die französische Grenze. Bei Wörth und Spichern kam es am 6. August zu für beide Seiten verlustreichen Schlachten, die mit französischen Niederlagen endeten. Innerhalb kurzer Zeit brachen die Hoffnungen Napoleons III. auf einen siegreichen Feldzug über den Rhein zusammen. Nach den Schlachten im Raum westlich von Metz vom 14. bis 18. August wurden mehrere Korps der von Marschall Francois Achille Bazaine (1811-1888) befehligten Rheinarmee in der Festung eingeschlossen. Das war ein schwerer Schlag für die französische Streitmacht, der auch die Stellung des Kaisers in den Grundfesten erschütterte.
Nach den Kämpfen im Raum Metz bahnte sich eine zweite Entscheidung westlich der belagerten Festung an. Im Lager bei Chalons-sur-Marne sammelten sich die Reste des französischen Korps aus Lothringen, sie erhielten Verstärkung durch Truppen aus dem Raum Paris und von der spanischen Grenze. Die neue Armee, die unter dem Befehl von Marschall Marie Edme Patrice Maurice de Mac-Mahon (1808-1893) stand, zählte 4 Korps und Kavallerietruppen in Stärke von rund 134000 Mann mit 402 Geschützen. Ihr Kampfwert war sehr unterschiedlich, die Kampfmoral nach den Rückzügen und Mißerfolgen gesunken. Mac-Mahon marschierte zunächst nach Reims zurück, blieb dort kurze Zeit, um Kräfte zu sammeln, und rückte am 23. August in nördlicher Richtung mit dem Ziel ab, sich mit den französischen Truppen in Metz zu vereinigen. Weder Mac-Mahon noch Bazaine hatten Kenntnis von der Bewegung der deutschen Truppen, die militärische Aufklärung der Franzosen war unzureichend, es gab zwischen den beiden Armeen keine ständige Nachrichtenverbindung.
Während die Armee Mac-Mahons ihre Korps langsam erst nach Nordosten und dann nach Osten zur Maas vorschob, vollzogen sich auf der deutschen Seite wichtige Entscheidungen. 7 Armeekorps und mehrere Divisionen der 1. und 2. Armee blieben unter dem Befehl von Prinz Friedrich Karl (1828-1885) vor Metz zurück. Die von dem preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm (1831 - 1888) befehligte 3. Armee und die neugebildete 4. Armee (Maasarmee) unter dem sächsischen Kronprinzen Albert (1828-1902) in Stärke von 8 Armeekorps und mehreren Divisionen mit 184000 Mann und 800 Geschützen rückten zunächst in westlicher Richtung auf Chalons-sur-Marne vor, um die dort vermuteten französischen Kräfte zu schlagen. Bald erfuhr das deutsche Oberkommando vom Marsch der Armee Mac-Mahons und änderte daraufhin seine Pläne. Am 25. August befahl Moltke den beiden Armeen eine Rechtsschwenkung und den Vormarsch in nördlicher Richtung. Damit war der Weg zur Schlacht bei Sedan eingeschlagen.
Am 26. August erschien in der „Fall Mall Gazette" ein Artikel aus der Feder von Friedrich Engels. Der militärische Sachkenner schrieb seit Beginn des Krieges Beiträge für diese englische Zeitung; auf Grund der ihm vorliegenden Nachrichten und des eigenen umfangreichen Wissens sah er eine Katastrophe für die Franzosen voraus, wenn Mac-Mahon seinen gefährlichen Marsch in die Nähe der belgischen Grenze fortsetzte: „Was wird diese Niederlage bringen? Wo sie auch immer erfolgt, sie wird die Reste der geschlagenen Armee von Paris weg der Nordgrenze zutreiben, wo sie auf neutrales Gebiet gedrängt oder zur Kapitulation gezwungen werden könnten ... Mac-Mahons Truppen werden sich in jenem schmalen französischen Landstreifen ergeben müssen, der zwischen Mezieres und Charlemont-Gives nach Belgien hinein vorspringt. Im bestmöglichen Fall können sie nach den nördlichen Festungen, Valenciennes, Lille usw., entkommen, wo sie für alle Fälle unschädlich sein werden. Dann wird Frankreich der Gewalt der Eindringlinge ausgeliefert sein."2
5 Tage später konnte der Verfasser seine Voraussage noch präzisieren. „So sehen wir die letzte Armee, die Frankreich in diesem Krieg im Felde hat und wahrscheinlich haben wird, freiwillig in den eigenen Untergang marschieren, vor dem sie nur die gröbsten Fehler des Feindes retten können. Aber dieser Feind hat bis jetzt noch keinen einzigen Fehler begangen."3
Der Vormarsch der beiden deutschen Armeen verlief erfolgreich; bei Beaumont erlitten am 30. August schwächere Kräfte Mac-Mahons eine Niederlage. Jetzt erkannte der französische Marschall die große Gefahr für seine um Sedan stehenden Truppen. Ohne das Risiko einer Schlacht konnte er nicht mehr zu Bazaine durchbrechen. Der Armee blieb noch der Rückzug nach Mezieres, aber ein solcher Schritt war nach der vorangegangenen Niederlage politisch und moralisch nicht möglich. Die Regierung in Paris drängte auf offensives Handeln, auch der Kaiser, der sich im Quartier Mac-Mahons befand, mußte bei weiterem Zurückweichen noch mehr um seine ohnehin schwer erschütterte Stellung bangen. So breiteten sich Unentschlossenheit und Ratlosigkeit bei den Franzosen aus.
Das Hauptquartier der preußisch-deutschen Truppen hatte sich in Vendresse, südwestlich von Sedan, niedergelassen, dort befanden sich König Wilhelm I. und der Chef des Generalstabs. Moltke, seit 1857 in dieser Funktion, besaß einen bedeutenden Anteil an der militärischen Vervollkommnung der preußischen Armee vor 1870. Die maßgeblich von ihm und seinem Stab entwickelten Führungsprinzipien - oft charakterisiert mit der vereinfachenden Formulierung „Getrennt marschieren - vereint schlagen" - hatten sich im Krieg von 1866 gegen Österreich sowie in den Schlachten im August 1870 bewährt. Das Hauptquartier ordnete bereits am 31. August den Angriff gegen die im Raum Sedan konzentrierten Franzosen an, es wollte die günstige Lage unverzüglich für die Schlacht nutzen, obwohl ein Großteil der deutschen Streitmacht gerade kräftezehrende Märsche hinter sich hatte.
Die Festungsanlagen der kleinen, 18000 Einwohner zählenden Textilgewerbestadt Sedan waren veraltet und nur noch geeignet, den Truppen Aufenthalt zu gewähren. In dem Hügelgelände am rechten Ufer der Maas hatte die Armee Mac-Mahons folgende Stellungen bezogen: Südöstlich von Sedan, am linken Ufer der Givonne zwischen den Dörfern Bazeilles und Daigny, stand das 12. Korps, nach Norden schloß das 1.Korps bis zum Dorf Illy an. Nördlich der Stadt, zwischen Illy und Floing, lag das 7. Korps. Die französischen Reserven, das bei Beaumont geschlagene 5.Korps und die Reiterei, befanden sich im Maastal und in Sedan. Sehr schwach gesichert war die französische Aufstellung nach Westen, wo aber die große Maasschleife eine Annäherung des Gegners erschwerte.
Die deutschen Truppen marschierten bereits in der Nacht zum 1. September heran. Gegen die östliche und südöstliche Front der Franzosen richtete sich der Angriff der 4. Armee, zu der das I. und II. bayrische und das sächsische Armeekorps sowie das preußische Gardekorps gehörten. Schon im Morgengrauen des Schlachttags stießen die Spitzen der Bayern auf die Vorhut des französischen 12. Korps bei Bazeilles. Gegen die Nordfront der Franzosen rückten 2 Armeekorps der 3. Armee heran, bei Donchery überschritten sie den Fluß und schwenkten dann nach Osten gegen das französische 7. Korps ein. Aus der Anlage der Schlacht und dem Einsatz der deutschen Armeekorps war bereits der Plan einer Einschließung des Gegners zu erkennen.
Mit dem massiven Artilleriefeuer auf die französischen Truppen in Bazeilles am Morgen des 1.September begann die Schlacht bei Sedan. Jedoch scheiterten die ersten Angriffe des bayrischen I. Armeekorps am zähen Widerstand der Verteidiger, die ihre Anfangserfolge überschätzten und glaubten, die heranrückenden deutschen Kräfte östlich von Sedan schlagen zu können.
Der französische Dichter Emile Zola (1840-1902) beschreibt den Kampf um das Dorf Bazeilles: „Der neue Angriff [der deutschen Truppen ] kündigte sich furchtbar an. In Richtung der Wiesen hatte das Gewehrfeuer aufgehört. Die Bayern hatten sich eines schmalen, von Pappeln und Weiden gesäumten Baches bemächtigt und schickten sich an, die Häuser zu stürmen, die den Place de l'Eglise verteidigten; und ihre Flankier [Schützen vor der Frontlinie ] hatten sich wohlweislich zurückgezogen... Der Leutnant hatte daher den Hof der Färberei verlassen und dort einen Posten zurückgelassen, weil er einsah, daß von nun an die Gefahr in Richtung der Straße liege. Rasch stellte er seine Leute entlang des Bürgersteigs mit dem Befehl auf, sich im ersten Stock des Gebäudes zu verschanzen und sich dort bis zur letzten Patrone zu verteidigen, falls der Feind den Platz in seine Gewalt bringe. Auf der Erde liegend, hinter den Prellsteinen in Deckung gegangen und die geringsten Mauervorsprünge ausnutzend, schossen die Männer nach Gutdünken; und längs dieses breiten, sonnenbeschienenen und verödeten Weges raste ein Orkan von Blei und von Rauchstreifen wie ein von heftigem Wind gejagter Hagelschauer. Man sah ein junges Mädchen in kopflosem Lauf den Fahrdamm überqueren, ohne getroffen zu werden. Dann bekam ein Greis, ein mit einem Kittel bekleideter Bauer, der sich darauf versteifte, sein Pferd in den Stall zurückzubringen, eine Kugel mitten in die Stirn, und zwar mit solcher Wucht, daß er dadurch in die Mitte der Straße geschleudert wurde. Das Dach der Kirche war durch eine darauf gefallene Granate eingeschlagen worden. Zwei weitere hatten Häuser in Brand gesetzt, die im grellen Licht unter dem Krachen des Gebälks loderten. Und die arme, neben ihrem kranken Kind zermalmte Francoise, der Bauer mit der Kugel im Schädel, die Verwüstungen und die Brände brachten die Einwohner vollends außer sich, die lieber hier hatten sterben wollen als sich nach Belgien zu retten. Bürger, Arbeiter, Männer im Paletot und in kurzer Jacke schossen wütend aus den Fenstern."4
In den Morgenstunden dehnten sich die Kämpfe rasch nach Norden entlang der Givonne aus. Mac-Mahon wurde schon zu Beginn der Schlacht verwundet, er übertrug das Kommando zunächst General Auguste-Alexandre Ducrot (1817-1882), der die im Kampf stehende Armee aus der Schlacht herauslösen und auf Mezieres zurückführen wollte. Voraussetzung für das Gelingen eines solchen Planes aber war, daß der deutsche Angriff an der Givonne aufgehalten und damit Zeit für die notwendigen Umgruppierungen gewonnen würde. Die Kämpfe am Morgen des 1.September schienen das auch zu ermöglichen. Doch da wies General Emanuel-Felix von Wimpffen (1811-1884), der bisher das 5. Korps kommandiert hatte, ein Schreiben des französischen Kriegsministers vor, das ihn zum Nachfolger Mac-Mahons bestimmte. Er ließ die Umgruppierungen sofort einstellen und befahl Angriffe an der Givonne, um nach Osten durchzubrechen.
Die neuen französischen Attacken brachten die deutschen Truppen für kurze Zeit in eine schwierige Lage, die Artillerie mußte vorübergehend aus dem Givonnetal zurückgezogen werden. Aber bald trafen die frischen Kräfte des XII. Armeekorps und der preußischen Garde ein. Für die Franzosen bestand am späten Vormittag keine Aussicht mehr, die starke deutsche Truppenkonzentration zu durchbrechen.
Westlich von Sedan hatte sich die Lage gleichfalls für die Streitkräfte Napoleons III. verschlechtert. Das deutsche XI. und das V. Armeekorps überschritten die Maas und überquerten die Straße Sedan - Mezieres. Bei Saint-Menges trafen sie auf französische Kräfte, zwischen Floing und Illy entbrannten am Vormittag heftige Kämpfe. Floing wurde schließlich von deutschen Truppen besetzt, bei Illy stellten die von Westen angreifenden Armeekorps die Verbindung mit der von Osten vordringenden Kavallerie der preußischen Garde her. Östlich von Sedan hatten die Deutschen inzwischen in breiter Front die Givonne überwunden und die französischen Truppen in verlustreichen Kämpfen aus ihren Stellungen geworfen. Als die Franzosen aus dem Dorf Illy zurückwichen, war praktisch die Einschließung der angeschlagenen Armee in Sedan vollendet. Das Artilleriefeuer der 3. und 4. Armee überschnitt sich und signalisierte den Franzosen die herannahende Katastrophe.
General Wimpffen griff auf seine Reserven an der Maas zurück und dirigierte sie nach Norden. Diese Bewegung kreuzte sich mit dem beginnenden Rückzug des 12. Korps aus dem Raum Bazeilles in die Festung. Verwirrung und Desorganisation bei den Franzosen wurden immer größer und erschwerten mehr und mehr die Truppenführung, die bald völlig der Hand des Oberbefehlshabers entglitt. Nördlich von Sedan, im Wald von Garenne, erlitten die Truppen des französischen 7. Korps vornehmlich durch das massierte Artilleriefeuer große Verluste.
Noch einmal versuchte General Wimpffen einen Ausbruch, um zumindest dem Kaiser einen Fluchtweg zu öffnen. 7 Kavallerieregimenter griffen bei Illy an, aber im Schnellfeuer der deutschen Infanterie und Artillerie brach diese Attacke zusammen. Im Lauf der frühen Nachmittagsstunden zogen sich die Franzosen, zumeist ungeordnet, aus dem Gelände zwischen Floing und Illy nach Sedan zurück. Ein zweiter französischer Angriff am Dorf Balan südlich von Sedan schlug die bayrischen Truppen vorübergehend aus dem Feld, scheiterte jedoch ebenfalls.

Hessische Infanterie verhindert bei Floring am 1. September 1870 den Durchbruch
französischer Kavallerie.
In einem Dreieck von etwa 3 Kilometer Seitenlänge waren die Reste der französischen Armee zusammengedrängt, beschossen von 456 deutschen Geschützen. Eine so hohe Konzentration von Artillerie kannte man im 19.Jahrhundert bis dahin nicht. Die Weiterführung des Kampfes war sinnlos geworden, es gab keine Möglichkeit mehr für einen organisierten Ausbruch aus der Einschließung, in der Festung steigerte sich das Durcheinander am Abend des Schlachttags noch weiter. Um 16.30 Uhr stieg über den Trümmern des Schlosses die weiße Fahne auf. Die französischen Truppen stellten die Kampfhandlungen ein, die deutschen aber erst, als die bevollmächtigten Unterhändler eintrafen.
Der deutsche Schriftsteller Theodor Fontäne weilte als Zeitungskorrespondent auf dem Kriegsschauplatz, er geriet kurzzeitig in französische Gefangenschaft und schrieb nach 1871 seine Eindrücke und Erlebnisse nieder. In seiner Darstellung zitierte er den Bericht eines französischen Offiziers über die Enttäuschung der Soldaten in Sedan nach dem Bekanntwerden der Kapitulation:
„Viele Soldaten zerschlugen in ihrer Wut die Gewehre, und die Straßen waren mit zerbrochenen Waffen aller Art übersäet. Zerbrochene Säbel, Flinten, Pistolen, Lanzen, Helme, Cürasse ... bedeckten den Boden, und an einer Stelle, wo die Maas durch die Stadt fließt, verstopften die Haufen solcher Trümmer den Strom. Der Schmutz in den Straßen war schwarz von Pulver. Die Pferde waren an die Häuser und an die Kanonen angebunden, aber Niemand dachte daran, ihnen Futter oder Wasser zu geben, und so rissen sie sich, vor Hunger und Durst wild geworden, los und rannten durch die Straßen. Wer da wollte, konnte ein Pferd bekommen; er mußte es sich nur einfangen ...
Demoralisation zeigte sich in jeder Weise. Selbst die Fahnen wurden verbrannt oder vergraben, ein Act der Treulosigkeit, der selbst durch den Schmerz und die Wuth einer geschlagenen Armee nicht beschönigt werden kann."5
Die Kapitulationsverhandlungen zogen sich bis zum Vormittag des 2. September hin. 85000 Soldaten der französischen Armee streckten die Waffen, an der Spitze Napoleon III.; bereits am Vortag waren 21000 gefangengenommen worden. Die Einbußen an Toten und Verwundeten betrugen 16000 Mann, nur 3000 konnten nach Belgien entkommen. Ein Teil der Kavallerie hatte die Einschließung durchbrochen und sich in das Landesinnere gerettet. Die deutschen Truppen verloren etwa 9000 Tote und Verwundete.
Nach den Kapitulationsbedingungen wurde die französische Armee für kriegsgefangen erklärt, ausgenommen Offiziere, aber diese mußten sich ehrenwörtlich verpflichten, nicht weiter gegen die Deutschen zu kämpfen. Eine reiche Kriegsbeute fiel den Siegern in die Hände: 419 Feldgeschütze und 139 Festungsgeschütze, dazu viele Infanteriewaffen, Munition, Fahrzeuge, Fahnen sowie über 12000 Pferde.
Beutegut ( Geschütze ) von Sedan
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Insgesamt war der Feldzug bislang für Preußen und seine Verbündeten erfolgreich verlaufen und hatte mit dem Sieg bei Sedan einen Höhepunkt erreicht. Die Armee von Bazaine war in Metz eingeschlossen, die Armee von Mac-Mahon zerschlagen, der Kaiser in Gefangenschaft. Der Krieg hätte beendet werden können; denn Frankreich vermochte die Bildung eines bürgerlichen deutschen Nationalstaats nicht mehr zu behindern, das bonapartistische Regime brach unmittelbar nach der Schlacht zusammen, und in Paris kam eine neue, bürgerlich-republikanische Regierung an die Macht.
Aus dem Krieg für einen bürgerlichen Nationalstaat wurde ein Eroberungskrieg.
„Kaum war durch die Schlacht bei Sedan", so schreibt Franz Mehring, „das französische Kaiserreich gestürzt und somit die Möglichkeit eines friedlichen Einvernehmens zwischen den beiden größten Kulturvölkern des europäischen Festlandes geschaffen, als sich Bismarck durch die Bourgeoisie die Forderung der Annexion Elsaß-Lothringens und damit den unverhüllten Eroberungskrieg apportieren [herbeibringen] ließ."6
Der preußische Generalstab glaubte nach dem Sieg bei Sedan, den Krieg militärisch gewonnen zu haben, aber die weiteren Ergebnisse zeigten, daß Sedan nicht das Ende des Deutsch-Französischen Krieges, sondern nur der Schlußpunkt seiner ersten Etappe war. Die Schlacht markierte eine Wende im Gesamtverlauf der Auseinandersetzung. Die neugegründete Republik setzte den Kampf gegen die Eindringlinge fort, der bis zum Waffenstillstand am 31. Januar 1871 (in Südostfrankreich endeten die Kämpfe erst Anfang Februar) dauerte.
Die Schlacht bei Sedan und die Kämpfe im Krieg 1870/71 besaßen große Bedeutung für die Entwicklung der Heeresorganisation und der Kriegskunst. Vor 1870 hatte die französische Armee als eine der besten Europas gegolten, doch die Gefechte, Schlachten und Belagerungen 1870/71 offenbarten viele Schwächen und Mängel in der Führung, Organisation und Versorgung der Truppen. Ein anderes Bild bot die deutsche Seite. Die allgemeine Wehrpflicht sicherte den deutschen Armeen starke Reserven; nach den Erfahrungen dieses Krieges führten viele europäische Länder die allgemeine Wehrpflicht ein. Zudem hatte der preußische Generalstab der raschen Mobilmachung, der den Anforderungen eines Krieges entsprechenden Ausbildung der Truppen sowie technischen Neuerungen große Beachtung geschenkt.
Taktisch gingen beide Heere zunächst in geschlossenen Kompaniekolonnen auf dem Schlachtfeld vor und erlitten in der Regel durch das massierte Feuer der Hinterladergewehre und der Artillerie starke Verluste; aber rasch begriffen die Soldaten, wie notwendig Änderungen waren. Auf deutscher Seite lösten sich die Kolonnen bald in lockere Schützenschwärme auf, die dem Gegner kein leichtes Ziel boten.
Gefechtsordnung eines preußischen Regiments im Angriff 1870/71
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Es vergingen allerdings noch Jahre, ehe diese und andere militärische Schlußfolgerungen aus den Kampfhandlungen des Krieges 1870/71 auch Eingang in die Vorschriften und in die militärische Praxis der Armeen fanden.
1zit. nach: Ernst Engelberg, Bismarck. Urpreuße und Reichsgründer, Akademie-Verlag, Berlin 1985, S. 527
2 Friedrich Engels, Über den Krieg - XII, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 17, Dietz Verlag, S. 70
3 Friedrich Engels, Über den Krieg - XIV, ebenda, S. 77
4 Emile Zola, Der Zusammenbruch, Rütten & Loening, Berlin 1978, S. 198 f.
5 Theodor Fontane, Der Krieg gegen Frankreich 1870-1871, 1.Bd., Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei (R. v. Decker), Berlin 1873, S.593
6 Franz Mehring, Gesammelte Schriften, Bd. 5, Dietz Verlag, Berlin 1979, S. 186