Der Untergang der „Großen Armada“

 

 

Karte zur Fahrt der Armada

Fazit

 

Im Jahre 1556 hatte Karl V. auf den Kaiserthron des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zugunsten seines Bruders Ferdinand verzichtet. Das Reich wurde geteilt: Deutschland fiel an Ferdinand; König von Spanien wurde Karls Sohn Philipp II., der mit Spanien auch die Niederlande und die spanischen Besitzungen in Italien und Amerika erhielt. Mit Hilfe seiner spanischen Söldner und der päpstlichen Inquisition versuchte Philipp, Spaniens Vorherrschaft in Europa zu sichern. In den Niederlanden und in England er war als Gemahl Maria Tudors König von England ‑ wurden Ketzer mit Feuer und Schwert ausgerottet. In Frankreich intervenierte er mit Krieg, Heirat und Intrige. Als 1578 die portugiesische Königsdynastie erlosch, kam Portugal unter die spanische Krone. Philipp vereinigte damit nicht nur die beiden Staaten der Iberischen Halbinsel, sondern auch die riesigen Kolonialreiche beider Länder unter seiner Regierung.

In den sechziger Jahren des 16. Jahrhunderts hatten sich die Niederlande gegen die spanische Fremdherrschaft erhoben. In England war Königin Elisabeth I. der verstorbenen Maria Tudor auf den Thron gefolgt. Nachdem Elisabeth den Heiratsantrag Philipps abgelehnt hatte, unterstützte Spanien die Verschwörungen der schottischen Königin Maria Stuart gegen Elisabeth. England wiederum begünstigte offen die aufständischen Niederländer. Im Mai 1585 verhängte Philipp ein Handelsembargo gegen England und verbot allen englischen Schiffen das Anlaufen der Häfen seines Weltreiches. Das aufstrebende Bürgertum in England versuchte nun, seine Handelsinteressen mit Gewalt durchzusetzen. Immer häufiger kam es zu Überfällen von Kaperschiffen auf spanische Häfen, Niederlassungen und Silberflotten. Am spanischen Hof wurden die Vorbereitungen für eine Invasion in England getroffen.

Schon 1569 hatten Don Juan d'Austria und Herzog Alba mit König Philipp den Plan einer Landung in England beraten. Nur war Spanien in jener Zeit noch zu sehr durch kriegerische Verwicklungen mit Frankreich, Portugal und der Türkei gebunden, um die Idee in die Tat umsetzen zu können. 1583 wurde der Gedanke erneut aufgegriffen, und der Herzog von Santa Cruz - spanischer Flottenbefehlshaber unter Don Juan in der Schlacht vor Lepanto- begann mit der Ausarbeitung einer Studie. Am 12. März 1586 legte er sein Projekt vor: 150 Kriegsschiffe, 360 Truppentransporter und 50 Versorgungsfahrzeuge sollten eine Invasionsarmee von 94 000 Mann - einschließlich Pferde, Artillerie und Troß- in der Themsemündung zur Eroberung Englands anlanden. Philipp II. bestätigte das Projekt. Die errechnete Geldsumme wurde ohne jeden Abstrich bereitgestellt.

Die Kriegsrüstungen waren natürlich nicht geheimzuhalten; dennoch liefen die englischen Gegenmaßnahmen nur zögernd an. Elisabeth scheute die großen Geldausgaben, auch war sie nicht sicher, ob die spanischen Aktivitäten nur ein Bluff, ob sie gegen die Niederlande oder tatsächlich gegen England gerichtet waren. Schließlich erteilte sie ihrem erfolgreichsten Kaperkapitän, Francis Drake, im Sommer 1587 den Befehl, mit einer Flotte von 24 Schiffen die spanische Küste aufzuklären. Drake drang überraschend in den Hafen von Cadiz ein, zerstörte die Hafenanlagen, verbrannte über 30 fertiggestellte, wenn auch noch unbemannte Kriegsschiffe und nahm 6 Galeeren als Prisen in Schlepp. Auf dem Rückmarsch kaperte er noch den portugiesischen Indienfahrer "San Felipe" mit wertvollen Karten und Unterlagen über die indischen Gewässer. Dann kehrte er unbehindert nach England zurück.

Vermutlich hat Drakes Kaperaktion - nach seinen Worten hatte er der »Katholischen Majestät den Bart angesengt« - der englischen Flotte nicht nur wichtige Aufklärungsergebnisse, sondern auch einen Zeitgewinn gebracht. Die Armada war Anfang des Jahres 1588 auslaufbereit, aber der Oberkommandierende, Admiral Alvaro de Santa Cruz, war erkrankt und verstarb am 9. Februar 1588. Philipp benötigte Zeit. Er ließ diplomatische Kontakte aufnehmen, und im April 1588 kam es in Bourbourg bei Gravelingen zu Friedensgesprächen zwischen Spanien und England. Beiden Seiten ging es nur darum, die Gegenseite über die eigenen Absichten zu täuschen. Zu Beginn  des Jahres 1588 verleiht der Papst Philipp II die englische Krone (Elisabeth wurde 1569 exkommuniziert). Papst Sixtus V. hatte nach der Hinrichtung Maria Stuarts im Jahre 1587 zum zweitenmal den Kirchenbann über Elisabeth verhängt, sie ihres Thrones verlustig erklärt und Philipp mit der Vollstreckung des Urteils beauftragt. Und Elisabeth wußte warum! Nach wochenlangem Tauziehen reiste die spanische Delegation plötzlich ohne Erklärung ab; die Armada sollte ihren Kriegsmarsch antreten.

König Philipp hatte für den verstorbenen Santa Cruz den Herzog von Medina‑Sidonia berufen, einen Angehörigen der spanischen Hocharistokratie und Freund des Königshauses. Weil dieser von Seefahrt und Seekrieg wenig oder nichts verstand, wurde ihm Admiral Diego Flores de Valdes als Berater beigegeben. Als Medina‑Sidonia im März das Oberkommando übernahm, war zwar die bestätigte Summe von vier Millionen Dukaten ausgegeben worden, aber die Armada besaß nur etwa die Hälfte der von Santa Cruz geforderten Stärke.

Am 25.April 1588 erhält Sidonia die geweihten Standarten der Armada.

Am 14. Mai 1588 verließ die spanische Flotte den Hafen von Lissabon. Ihr Kampfkern bestand aus 64 Galeonen, die in sechs Geschwader unterteilt waren. Die Galeonen waren schwerfällige Viermaster bis zu 1 000 Tonnen groß, ein modifizierter Galeassentyp unter Segel. Die Mehrzahl war mit 6 bis 8, die Flaggschiffe mit mehr als 20 Kanonen bestückt. Zur Kampfflotte gehörten weiter 4 altmodische Galeassen und 4 Galeeren, die von Rudersklaven, 5 an jedem Riemen, vorwärtsbewegt wurden. Die Armada besaß eine Feuerkraft von zusammen 934 eisernen Schiffsgeschützen, sowie einige hundert Bronzekanonen, dazu kamen 1 600 Feldschlangen der eingeschifften Truppen (u.a. 12 Feldlafetten, 21Kanonen, 1000 Flinten, 7000 Hakenbüchsen,10000 Piken, 1000 Spieße). Nach Vorstellungen der spanischen Führung sollte die Artillerie eine Seeschlacht nur eröffnen, danach sollte der Gegner im Enterkampf Mann gegen Mann niedergerungen werden.

Das mächtigste Schiff der Armada  war die "Florencia", sie war Eigentum des Großherzogs der Toscana.

Die Formation der Armada bestand aus zwei Linien.

1. Linie (der Kern): 2 Geschwader von je  10 Galeonen aus Portugal und Kastilien und 4 Galeassen aus Neapel.

Flaggschiff: Galeone "San Martin"

2. Linie: 4 Geschwader zu je 10 Schiffen (bewaffnete Kauffahrer), 

    u.a. 34 Zabras, Fregatas, Pataches

           23 Urcas (langsame Transporter)

             4 Galeeren

 

Diese Taktik hatte auch die Bemannung der Flotte bestimmt. Neben 8 000 Seeleuten und 2 000 Rojern waren 19 000 Soldaten für den Enterkampf und zur Anlandung an der englischen Küste eingeschifft worden. Die eigentliche Invasionsarmee sollte unter dem Oberbefehl des Herzogs Alexander von Parma an der niederländischen Küste auf speziellen Landungsfahrzeugen eingeschifft werden. Bereit standen 30 000 Mann, so daß die Stärke der Landungsarmee weniger als die Hälfte des ursprünglichen Planes betrug.

Die Kampfflotte wurde von Versorgungsschiffen begleitet, die mit Proviant für sechs Monate und mit Reservevorräten an Munition und Ausrüstung beladen waren. Auch Ehefrauen und Freudenmädchen waren an Bord der Fahrzeuge; der Aufenthalt von Frauen an Bord der Kriegsschiffe war bei Todesstrafe untersagt.

Bei Kap Finisterre geriet die Armada in einen schweren Nordweststurm. Vier Schiffe gingen verloren, weitere wurden beschädigt. Medina‑Sidonia lief La Coruna als Nothafen an, um die Schiffe instandsetzen und mit Frischwasser und Proviant versorgen zu lassen. Am 15. Juli ging die Flotte erneut in See. Mit günstigem Wind überquerte sie in nur fünf Tagen die gefürchtete Biskaya und steuerte unter der französischen Küste den Kanal an.

In England hatte man die Zeit seit dem Sommer 1587 intensiv genutzt, um sich auf die Abwehr der Invasion vorzubereiten: 80 000 Mann waren zur Verteidigung der Küste aufgeboten worden, bei Greenwich stand zusätzlich ein Reservekorps von 25 000 Mann. Doch wollten die Engländer die Spanier erst gar nicht anlanden lassen. Ihre Flottenführer, Männer wie Francis Drake, John Hawkins, Robert Greenville, Martin Frobisher, Henry Seymour und William Winter, waren sicher, die Entscheidung auf See durch offensiv geführte Artillerieangriffe gegen die in Feuer und Manöver unterlegenen Galeonen herbeiführen zu können.

Zum Oberbefehlshaber der Flotte hatte Königin Elisabeth den Grafen von Nottingham, Lord Charles Howard, berufen. Sein Berater war Sir Francis Drake. Die englische Kampfflotte bestand aus 140 Schiffen mit 15 335 Mann Besatzung (Kern die 34  neuen Schiffe der Königin mit 6264 Mann). Diese 34 neuerbaute Kriegsschiffe hatten zwischen 600 und 800 Tonnen; nur zwei Segler waren größer als 1000 Tonnen. Die anderen 106 Kampfschiffe waren Kaperschiffe und umgebaute Kauffahrteifahrzeuge. Die Versorgung der Kampfflotte, vor allem mit Munition, sollte von 56 kleineren Küstenseglern durchgeführt werden.

Als die spanische Armada in den Kanal einlief, lagen die Hauptkräfte der englischen Flotte noch im Hafen von Plymouth. Nur ein englisches Geschwader unter Henry Seymour kreuzte vor der Themsemündung; es sollte mit der verbündeten holländischen Flotte zusammenwirken. Der strategische Plan war klar und einfach: Sobald die Armada den Eingang des Kanals passierte, sollten die in Plymouth liegenden englischen Geschwader der Armada folgen und sie angreifen. Näherte sich die Armada dem Ausgang des Kanals, sollte das englische Themsegeschwader und das zwischen Calais und Dünkirchen kreuzende holländische Geschwader die spanischen Schiffe zwischen Dover und Calais in die Zange nehmen. Außerdem hatten es die Holländer übernommen, die Invasionstruppen in den niederländischen Häfen zu blockieren.

Der strategische Plan der Spanier war Medina‑Sidonia als versiegelte königliche Direktive mitgegeben worden. Er durfte das Siegel erst in Höhe von Plymouth aufbrechen. Nach der Direktive hatte Medina‑Sidonia die Armada dicht unter der französischen Küste bis nach Dünkirchen zu führen und dabei jeden Kampf mit der englischen Flotte zu vermeiden. Vor Dünkirchen sollte er eine Auffanglinie für die aus den flandrischen Häfen auslaufenden Landungsabteilungen des Herzogs von Parma bilden. Danach war die Themsemündung anzusteuern und die Invasionsarmee anzulanden. Nach der Landung war der Vormarsch auf London zu beginnen und die Stadt im Sturm zu nehmen.

Lord Howard und sein Berater Drake hatten die schnelle Überfahrt der Armada durch die Biskaya nicht erwartet. Als die spanische Flotte am 20. Juli die Höhe von Plymouth erreichte, waren die englischen Schiffe noch bemüht, gegen einen widrigen Südwestwind aus dem Hafen zu kommen. Es war eine unerwartete Möglichkeit für die Spanier, zum angestrebten Enterkampf zu kommen. Das man gerade darauf hoffte, hatte ein spanischer Admiral dem päpstlichen Nuntius vor dem Auslaufen der Armada erklärt: "Es ist ganz einfach. Es ist allgemein bekannt, daß wir Gottes Sache vertreten. Wenn wir also auf die Engländer treffen, wird Gott die Dinge so lenken, daß wir in den Nahkampf gehen und entern können, etwa durch einen plötzlichen Wettersturz oder dadurch, daß er den Engländern die Sinne trübt. Im Nahkampf wird spanische Tapferkeit und spanischer Stahl und die große Zahl von Soldaten, die wir an Bord haben, uns den Sieg sichern. Doch wenn uns Gott nicht durch ein Wunder hilft, werden die Engländer, die schnellere und wendigere Schiffe als wir und mehr weittragende Geschütze haben und sich dieses Vorteils wohl bewußt sind, uns nie aufschließen lassen, sondern Abstand halten und uns mit ihren Geschützen zu Stücken schlagen, ohne daß wir sie in nennenswerter Weise beschädigen können. So segeln wir nach England in festem Vertrauen auf ein Wunder".

Nun war das Wunder vor Plymouth tatsächlich eingetreten, aber Medina‑Sidonia machte, in strenger Befolgung der ihm gegebenen Direktive, keinen Gebrauch davon. In einer leicht rückwärts gebogenen Dwarsformation aus drei Linien lief die Armada an den englischen Geschwadern vorbei in Richtung auf Calais. Der Oberbefehlshaber segelte mit seinem Flaggschiff »San Martin« der Formation um einige hundert Meter voraus. In der ersten Dwarslinie waren die beiden Geschwader mit den größten und kampfstärksten Galeonen, zusammen 24 Schiffe, konzentriert. Rechts und links der Linie ruderte je eine Galeasse. Die zweite Linie bestand aus den Transport‑ und Versorgungsfahrzeugen, die auf den Außenseiten von jeweils 2 Galeeren gesichert wurden. Den Abschluß der Marschordnung bildeten die in der dritten Linie segelnden Kampfgeschwader Galeonen, die wiederum auf jeder Seite von einer Galeasse Flankenschutz erhielten.

Nachdem die Engländer ungestört vom Gegner den Hafen verlassen hatten, formierten sich die einzelnen Geschwader und kreuzten gegen den Wind südwärts. Noch im Verlaufe der Nacht erreichten sie eine günstige Ausgangsposition im Rücken der spanischen Flotte. Am Morgen des 21. Juli segelten sie an die schwerfälligen Galeonen des achteren Luvflügels heran und eröffneten das Gefecht. Beim Passieren schossen sie ihre Breitseiten auf die am weitesten luvwärts stehenden spanischen Schiffe ab, dann halsten sie in Kiellinie und ließen die andere Breitseite folgen. Nun endlich gab Medina‑Sidonia seiner hinteren Dwarslinie Angriff und Feuer frei, aber die Engländer blieben mit ihren schnelleren Schiffen auf Distanz, manövrierten den Gegner aus und ließen es nicht zum Enterkampf kommen. Nach fünfstündigem Gefecht hatte Medina‑Sidonia begriffen, daß die langsamen spanischen Schiffe die Engländer nicht zum Bord-an-Bord-Kampf stellen konnten. Er brach das Gefecht ab, ließ wieder Dwarslinie einnehmen und setzte den Marsch nach Osten fort.

An den nächsten beiden Tagen wiederholten sich die Artillerieüberfälle der Engländer auf die spanischen Galeonen der dritten Linie. Nur gingen die englischen Schiffe dichter an die Galeonen heran, um die Trefferwahrscheinlichkeit und Durchschlagskraft ihres Feuers zu erhöhen. Ein englischer Gefechtsbericht meldete über den dritten Kampftag folgenden Erfolg: "Sir Francis Drake, Sir John Hawkins und Sir Martin Frobisher kämpften mit der spanischen Galeone, auf der Vizeadmiral de Recalde vermutet wurde. Der Kampf wurde so gut durchgeführt, daß der Feind weichen und leewärts abfallen mußte ..." Das Schiff kollidierte mit Fahrzeugen des eigenen Geschwaders, wobei seine Takelage in Unordnung geriet und ein Mast brach. Als das Schiff aus der Linie zurückfiel, wurde es von mehreren englischen Schiffen geentert. Die Engländer erzielten einen weiteren Erfolg: Nach heftigem Beschuß explodierte auf der "San Salvador", dem Flaggschiff des Vizeadmirals de Oquentlo, eine Pulverkammer. Die Besatzung sprang über Bord, das Schiff wurde kampflos genommen.

Der 24. Juli brachte eine für die Engländer gefährliche Windstille. Die riemengetriebenen spanischen Galeassen und Galeeren hätten die vereinzelt treibenden englischen Segelschiffe mit Übermacht angreifen können. Aber Medina‑Sidonia nutzte auch diese Chance nicht, sondern setzte mit dem am Abend aufkommenden Wind seinen Weg nach Calais fort. 

Nach den anhaltenden Gefechten war die Munition auf beiden Seiten knapp geworden. Während die Armada erst vor der niederländischen Küste mit Nachschub rechnen konnte, füllten die Engländer ihre Munition aus den nahe gelegenen Kanalhäfen wieder auf. Dennoch blieben die Erfolge der englischen Geschwader gegen die in großer taktischer Disziplin ihre Formation haltenden Spanier in Grenzen. Nach sieben Tagen Kampf im Kanal hatte Medina-Sidonia nur zwei große und einige kleinere Schiffe verloren, dazu kamen Takelageschäden auf mehreren Schiffen der dritten Linie. Als er am 27. Juli zwischen Calais und Gravelingen eine nach Osten geöffnete Kreisformation bilden und die Anker ausbringen ließ, hatte er den ersten Teil der Direktive so gut wie nur möglich erfüllt.

Noch während des Manövers fertigte Medina-Sidonia mehrere Eilkuriere an den Herzog von Parma ab, alle mit der gleichen Forderung, sofort die Invasionstruppen einschiffen und die Armada mit Munition versorgen zu lassen. Die Antwort Parmas, am selben Tag gegeben, war für den spanischen Flottenbefehlshaber deprimierend: Die Blockade der flandrischen Küste, teilte Parma mit, mache es ihm unmöglich, Invasionstruppen und Munitionsnachschub aus den Häfen herauszubringen. Er müsse Medina‑Sidonia bitten, wie es die königliche Direktive vorsehe, die Armada nach Dünkirchen zu überführen, um mit seinen starken Kriegsschiffen die Blockade vor den Auslaufhäfen zu brechen.

Die Katastrophe überkam die Armada während der Nacht zum 29. Juli. Am Vortag, als zwischen Medina‑Sidonia und Parma immer noch nutzlos Depeschen getauscht wurden, hatte der englische Oberbefehlshaber Lord Howard 8 vorbereitete Brander aus Dover abrufen lassen. Kurz nach Mitternacht, in einer aufkommenden Brise, wurden die Brander mit der Flut gegen die dicht zusammenliegenden Schiffe der Armada losgelassen. Die brennenden Fahrzeuge lösten bei den spanischen Besatzungen eine Panik aus. Nur wenige Kapitäne bewahrten Übersicht, ließen die Anker lichten und Segel setzen. Auf den meisten Schiffen wurden die Ankertaue gekappt, noch bevor die Schiffe unter Segel waren und dem Ruder gehorchten. Es kam zu Kollisionen, ein Teil der Schiffe trieb mit der Flut auf die Sandbänke und Riffe vor der Küste; andere, die nicht Opfer des Branderangriffs geworden waren, kreuzten einzeln oder in kleinen Gruppen weit auseinandergezogen auf See. Medina‑Sidonia und seine Befehlshaber bemühten sich noch in der Nacht, die zerstreuten Schiffe wieder zu sammeln. Sie wußten, daß die Entscheidung bevorstand, und waren gewillt, sich ehrenvoll zu schlagen.

Am 29. Juli 1588 um vier Uhr begann die Schlacht. Obwohl es den spanischen Befehlshabern gelungen war, ihre Geschwader wieder in Dwarslinien zu ordnen, besaßen die Spanier nicht die Spur einer Chance. Die englischen Kiellinien hatten bei starkem Nordwestwind die Luvstellung gewonnen; ihr Breitseitenfeuer fügte den in Gruppen operierenden Galeonen schwere Verluste zu. Die spanischen Schiffe liefen durch ihre Leeposition Gefahr, auf die Sandbänke der flandrischen Küste zu geraten. Im Versuch, Luv zu gewinnen, löste sich ihre Gefechtsordnung auf. Weil die Galeonen kaum noch Munition besaßen, segelten Engländer und Holländer mit zwei oder mehr Schiffen an einzelne abgesprengte Galeonen heran und jagten ihnen in rascher Schußfolge auf kürzeste Entfernung Kugeln in die Wasserlinie. Es gab keine Armada mehr, sondern nur noch Einzelschiffe.

Als der Wind von Nordwest auf Südwest umsprang, faßte der von Medina‑Sidonia einberufene Kriegsrat den Beschluß, diesen günstigen Umstand zu nutzen, um den Kampf abzubrechen und nach Spanien zurückzusegeln. Um einen weiteren Kampf mit den englischen Kräften im Kanal auszuweichen, wählte man den langen Weg nordwärts um Schottland und Irland herum nach Spanien. Drake, der mit einigen Schiffen den Resten der Armada bis zur schottischen Nordostküste folgte, schrieb in sein Tagebuch: "Nichts hat mich mehr gefreut, als den Feind in nördlicher Richtung fliehen zu sehen, denn damit war das Schicksal der Armada endgültig besiegelt".

"Sie müssen dafür sorgen, daß Ihre Geschwader die Schlachtordnung streng einhalten", hatte König Philipp in seiner Instruktion Medina‑Sidonia angewiesen, "damit keine Kapitäne, von Kampfeseifer und Beutegier getrieben, den fliehenden Feind verfolgen, um Prisen zu machen".

Medina‑Sidonia schrieb als Randnotiz auf das Papier: "Nicht der Feind, wir sind auf der Flucht. Sie kämpfen mit schwerer Artillerie, wir mit Arkebusen und Musketen".

 

Fazit:

Medina‑Sidonia verschwieg, daß auch die Armada mit schwerer Artillerie bestückt war. Nicht fehlende Artillerie ließ die Schlacht verlorengehen, sondern die schlechteren Segelschiffe, die Aufstellung, Reichweite und Schußfolge der Geschütze und die sich daraus ergebende taktische Grundauffassung der spanischen Führung, die Schlacht ‑ wie vor Lepanto ‑ durch den Nahkampf Bord an Bord und Mann gegen Mann entscheiden zu können. Die besseren Manövriereigenschaften der englischen Segelschiffe und die Breitseitenaufstellung ihrer weittragenden Geschütze ermöglichten es den englischen Geschwadern, das Gefecht auf Distanz zu führen und den Spaniern den angestrebten Enterkampf zu verweigern. Strategisch waren es die Festlegungen in der königlichen Direktive, einer Entscheidungsschlacht mit der englischen Flotte auszuweichen, um eine Landungsflotte zu decken, die noch gar nicht auf See war, die den Mißerfolg der Invasion bewirkten.

Zwei Flottenzeitalter waren aufeinandergetroffen, der Sieg der englischen als der moderneren Flotte war nur gesetzmäßig. Ihr Aufbau und ihre Ausrüstung waren auf einem höheren Stand der Produktivkräfte erfolgt; sie besaß eine den materiellen Bedingungen entsprechende taktische Auffassung, und sie wurde mit größerem Sachverstand geführt.

Auf der Flucht geriet die Armada mit ihren zum Teil beschädigten Schiffen bei den Orkneyinseln in einen schweren Sturm. Viele Fahrzeuge wurden leck geschlagen oder gegen die irische Küste geworfen. Am 22. September 1588 erreichte Herzog von Medina-Sidonia mit 11 Schiffen den Hafen von Santander in Nordspanien. Weitere 25 Schiffe trafen einzeln oder in kleinen Gruppen, alle schwer beschädigt, in den folgenden Wochen in spanischen Häfen ein. Der Gesamtverlust der Armada belief sich auf 64 Fahrzeuge und 15 000 Mann. Philipp II. ließ die Verlustzahlen fälschen. Um dem Volk einen Schuldigen zu liefern, wurde der Berater Medina-Sidonias, Admiral Diego Flores de Valdes, ohne Untersuchung festgesetzt. Für die Weltöffentlichkeit fand der König die Worte: "Ich habe meine Armada zum Kampf gegen die Engländer ausgesandt, nicht gegen Naturgewalten. Gott sei gepriesen, daß er mir die Macht gab, eine neue Flotte auszurüsten".

Tatsächlich begannen in Spanien und Portugal schon im Winter die Vorbereitungen für den Bau einer neuen Invasionsflotte. Aber im April 1589 drang Francis Drake mit drei Geschwadern in La Coruna, Peniche und Lissabon ein, setzte Hafenanlagen und Schiffe in Brand und fügte auf dem Rückmarsch den Spaniern weiteren Schaden zu. König Philipps Prahlerei war dem Spott preisgegeben, die Ohnmacht Spaniens war nicht mehr zu verbergen. Die Zeit der spanischen Seemacht war endgültig vorbei. Der Aufstieg Englands begann; die Vereinigten Provinzen der Niederlande gewannen ihre Unabhängigkeit, und Heinrich IV. befreite Frankreich von spanischer Vormundschaft.

Es waren diese drei Länder - England, Holland und Frankreich -, die sich anschließend unter der Losung "Freiheit der Meere" in einem erbitterten Konkurrenzkampf um den größten Anteil an der spanisch-portugiesischen Erbschaft stritten.

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