Die Entwicklung der Kriegskunst in den Italienkriegen

 

Karte zur Schlacht

Die erste Periode der Italienkriege 1494‑1504

Die erste Etappe der Italienkriege

Die zweite Etappe der Italienkriege

Die dritte Etappe der Italienkriege

Zweite Periode der Italienkriege 1509‑1515

Die Schlacht bei Agnadello 1509

Die Schlacht bei Ravenna 1512

Die dritte Periode der Italienkriege 1521‑1559

In den Italienkriegen ging es dem französischen König zunächst um die Eroberung des Königreichs Neapel. Doch er erlitt mehrere Niederlagen. Er mußte auf Neapel verzichten und begnügte sich mit Feldzügen nach Norditalien. Frankreich wollte sich der Zugänge zur Lombardischen Ebene bemächtigen, um eine Bresche in die habsburgischen Besitzungen zu schlagen, die Frankreich umgaben.

Die Italienkriege des 16. Jahrhunderts spielten eine große Rolle in der Entwicklung der Kriegskunst der Söldnerarmeen. Auf dem italienischen Kriegsschauplatz kämpften Schweizer, deutsche Landsknechte, Franzosen, Spanier und Italiener. Dabei wurden die vervollkommneten Handfeuerwaffen und die Artillerie eingesetzt. In diesen Kriegen zeigte sich die Notwendigkeit, die Methoden der Verteidigung und Eroberung von Festungen zu verändern und die Pionierkunst auszunutzen.

 

Die erste Periode der Italienkriege 1494‑1504 - der Kampf der Franzosen um das Königreich Neapel.

Für die Entwicklung der Strategie in dieser Periode ist vor allem der Feldzug des französischen Heeres unter König Karl VIII. . (1494) bemerkenswert.

Der Feldzug nach Süditalien wurde in jeder Beziehung sorgfältig vorbereitet. Frankreich ergriff Maßnahmen, um die Mitwirkung Savoyens, Genuas, Mailands und Ferraras auf französischer Seite zu erreichen. Auch die politische Situation in Italien und auf dem Balkan, wo weite Kreise mit den herrschenden Zuständen unzufrieden waren, wurde sorgfältig studiert. Karl VIll. und seine Berater rechneten damit, daß die Franzosen in Italien und auf dem Balkan als Befreier begrüßt würden. So wurde auch ein Feldzug gegen Konstantinopel geplant. Karl VIII. hoffte ferner auf eine Erhebung der Balkanvölker - Albanier, Slawen und Griechen -gegen die Türken. Das sorgfältige Studium des künftigen Kriegsschauplatzes gehörte zur Vorbereitung des Feldzuges, an dem auch die vervollkommnete und für damalige Verhältnisse zahlreiche französische Artillerie teilnehmen sollte. Für den Einfall in Italien wurde zwischen Lyon und Grenoble ein 37 000 Mann starkes Heer mit zahlreicher Bedienungsmannschaft konzentriert. Ihm gehörten Schweizer Fußvolk und Landsknechte (6 000 bis 8 000 Mann) an. 20 Prozent der Schweizer waren mit Arkebusen bewaffnet, 25 Prozent mit Hellebarden und der Rest mit langen Spießen. Einen großen Teil des Heeres stellte das französische Fußvolk - die mit Bogen, Armbrüsten und Arkebusen ausgerüsteten Bretonen (6 000) und Gascogner (8 000). Die schwere Reiterei bestand aus französischen Edelleuten - 2 500 Geharnischten, gefolgt von je einem Waffenträger und zwei Knechten. Die Begleitung des Königs bildeten 200 Ritter. Im Heer dienten 3500 leichte, mit Bogen und weniger schweren Lanzen ausgerüstete Reiter. Das Heer zählte einschließlich der Waffenträger rund 9 000 Berittene und 20 000 bis 22 000 Mann Fußvolk, das heißt um das Doppelte bis Zweieinhalbfache mehr als Reiterei.

Die französische Artillerie besaß 136 Feldgeschütze, darunter 36 Bronzekanonen und 100 Couleuvrinen auf Räderlafetten. In der Schlacht konnten die Geschütze abgeprotzt werden. Die Bedienungsmannschaft der Artillerie bestand aus 500 Artilleristen, über 6 000 Sappeuren, mehr als 4 000 Fuhrknechten und etwa 2 000 Arbeitsleuten. Auf jedes Geschütz kamen etwa vier Artilleristen und 90 Mann Bedienungspersonal. Die Artillerie war eine recht kostspielige Waffengattung, die nur von einem finanzkräftigen Staat unterhalten werden konnte.

Um die Verpflegung des französischen Heeres zu sichern, wurde es an der Westküste Italiens von einer Flotte begleitet. Die schwere Artillerie wurde über die Rhone ins Mittelmeer befördert und auf Schiffen nach Italien gebracht.

Ende August 1494 überschritten die Franzosen die Alpen und unternahmen über den Mont Genevre den Abstieg nach Piemont. Nach der Eroberung von Asti vereinigte sich das französische Heer mit den piemontesischen Truppen; dadurch verstärkten sich die Kräfte der Verbündeten auf 60 000 Mann.

Der König von Neapel schickte zwei Abteilungen nach Norden vor. Damit wollte er die Flanken des anrückenden französischen Heeres bedrohen. Eine dieser Abteilungen wandte sich gegen die Romagna, während sich die zweite einschiffte, um an der genuesischen Riviera zu landen und bis zu den Kommunikationen des französischen Heeres vorzustoßen.

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Die erste Etappe der Italienkriege die Sicherung des französischen Vormarschs.

Karl VIII. detachierte eine 10 000 Mann starke Abteilung unter dem Herzog von Orleans, die mit der Flotte zusammenwirken sollte. Die französische Flotte schlug die neapolitanischen Streitkräfte zur See, und die Abteilung des Herzogs besiegte die östlich von Genua in Rapallo gelandeten neapolitanischen Truppen. Damit waren die rechte Flanke der operativen Richtung des französischen Heeres und seine Kommunikationen gesichert. Um die linke Flanke der französischen operativen Richtung zu sichern, wurde später die zweite neapolitanische Abteilung aus der Romagna verdrängt.

Die politische Folge der französischen Siege war, daß Florenz seine an der Küste gelegenen Festungen, die Städte Pisa und Livorno, an die Franzosen abtrat. Das strategische Ergebnis bestand in der hergestellten Verbindung des Landheeres mit der Flotte.

Die Franzosen ließen die Abteilung des Herzogs von Orleans zurück (er sollte den Herzog von Mailand überwachen und die Rückzugswege der Franzosen sichern) und bewegten sich nach Mittelitalien.

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Die zweite Etappe der Italienkriege die Offensive der französischen Hauptkräfte und ihr Einzug in Neapel.

Die Franzosen und die mailändischen Truppen begannen ihren Feldzug in das Innere Italiens erst im November. Die Vorhut wandte sich gegen Florenz, während die Hauptkräfte über Lucca nach Pisa marschierten. Nach der Eroberung von Florenz wurde mit den Florentinern ein Vertrag geschlossen, der die Höhe der Kriegsentschädigung festlegte.

Am 31. Dezember besetzte das französische Heer Rom, wo es mit dem Papst ein Abkommen abschloß. In Rom setzte die französische Flotte Verstärkungen an Land. Da sich jetzt alle Seefestungen in französischer Hand befanden, war das Hinterland zuverlässig gesichert. Am 23. Januar 1495 verließen die Franzosen Rom und gingen, ohne auf Widerstand zu stoßen, in Richtung Neapel vor.

Das neapolitanische Heer bezog bei San Gennaro eine gesicherte Verteidigungsstellung. Um sie zu umgehen, entsandte Karl VIII. eine starke Kolonne nach Aquila. Er stellte ihr die Aufgabe, die linke Flanke der Hauptkräfte zu sichern und ins Hinterland der feindlichen Stellung vorzustoßen. Die Neapolitaner leisteten auch dieses Mal keinen Widerstand. Ein Teil ihrer Truppen ging auf die Seite der Franzosen über, während der Rest die Flucht ergriff. Damit wurde das Umgehungsmanöver überflüssig, und die Franzosen besetzten am 22. Februar Neapel. Das Hauptziel des Feldzuges war erreicht.

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Die dritte Etappe der Italienkriege die Veränderung der politischen Situation und der Rückzug der Franzosen aus Italien.

Die Franzosen waren nicht in der Lage, ihre strategischen Erfolge politisch zu sichern. Das italienische Volk empörte sich gegen die französischen Eroberer. Während Karl VIII. in aller Ruhe zum Feldzug gegen die Türken rüstete, fielen seine Verbündeten von ihm ab. Gegen die Franzosen verbündeten sich der Papst, Venedig, Mailand, der deutsche Kaiser und der spanische König. Der Kriegsplan sah vor, dem französischen Heer den Rückzugsweg abzuschneiden und gleichzeitig mit den Kräften des deutschen Kaisers und des spanischen Königs in Frankreich einzufallen. In dieser politischen und strategischen Situation beging Karl VIII. einen großen Fehler, als er seine Kräfte auf die Festungen des Königreichs Neapel verteilte. Er verließ am 20. Mai 1495 mit einem nur 10 000 Mann starken Heerhaufen Neapel und wandte sich über Rom nach Toscana. Karl VIII. ging nur sehr zögernd vor. Dadurch konnte der Gegner ein 30 000 Mann starkes Heer sammeln und den Franzosen in Norditalien am Taro den Rückzugsweg verlegen.

Am 7. Juli 1495 griff das französische Heer bei Fornovo den überlegenen Feind an und warf ihn zurück. Damit wurde der Rückzugsweg frei, und die Franzosen zogen sich über Asti nach Briancon zurück. Die französische Flotte aber erlitt in der Gegend von Genua eine Niederlage. Bald darauf wurden auch die französischen Besatzungen aus Italien verdrängt. So konnten die Franzosen in Italien das gesteckte Ziel nicht erreichen, da sie nicht fähig waren, ihre strategischen Anfangserfolge politisch zu sichern.

1499 unternahm der französische König Ludwig XII., der die Politik seines Vorgängers fortsetzte, einen Feldzug gegen Mailand und eroberte die Stadt. 1501 drangen französische und spanische Truppen in die neapolitanischen Besitzungen ein. Die Zuspitzung der Gegensätze zwischen den Verbündeten führte aber zu einem bewaffneten Konflikt, der mit einer Niederlage der Franzosen endete.

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Die zweite Periode der Italienkriege (1509‑1515). In dieser Periode ging es Frankreich um die Eroberung Norditaliens. Es wollte dadurch die außenpolitische Lage des Landes festigen.

1508 wurde für die Aufteilung der Besitzungen der Republik Venedig die Liga zu Cambrai gebildet, in der Frankreich, Spanien und der deutsche Kaiser die Hauptrolle spielten. 1509 begann die zweite Periode der Italienkriege, die sich in erster Linie auf die Entwicklung der Taktik auswirkte. In dieser Beziehung sind vor allem die Schlachten bei Agnadello und Ravenna charakteristisch.

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Die Schlacht bei Agnadello (1509). Zur Verteidigung ihrer Unabhängigkeit schuf die Republik Venedig ein aus Venezianern und Söldnern bestehendes Heer. Es bestand aus 20 000 Kriegern zu Fuß, 2 000 Geharnischten, 3  000 leichten Reitern und 60 Geschützen. Ein großer Teil der Venezianer war mit Arkebusen ausgerüstet. Im Mai 1509 bezog das Heer von Venedig zwischen Tervillo und Rivalto eine starke Stellung auf dem durchschnittenen Gelände des linken Ufers der Adda. Seine Verbindungslinie nach Cremona verlief über Crema.

Ludwig XII. hatte im Herzogtum Mailand ein 32 000 Mann starkes Heer mit 106 Geschützen zusammengezogen. Es bestand aus 12 000 Mann französischitalienischen Fußvolks, 6 000 Schweizern und 14 000 Reitern. Die Franzosen waren ihrem Gegner zahlenmäßig überlegen: an Artillerie um das Anderthalbfache und an Reiterei. um das Dreifache. Da das Schweizer Fußvolk und die Reiterei nur auf ebenem Gelände mit Erfolg eingesetzt werden konnten, wollte der König die Venezianer nicht in ihrer Stellung angreifen und beschloß, sich mit Hilfe eines Manövers eine günstige taktische Kampflage zu schaffen.

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Die erste Etappe der Schlacht das taktische Manöver der Franzosen und der Rückzug der Venezianer.

Um den Gegner zu zwingen, eine Schlacht in der Ebene zu liefern, gab der französische König seinem Heer den Befehl, die linke Flanke der Venezianer zu umgehen und bis zu ihrer Verbindungslinie vorzustoßen. Die Franzosen gingen am linken Ufer der Adda vor. Ihre Umgehungsbewegung war bogenförmig.

Der Befehlshaber des venezianischen Heeres, der rechtzeitig von diesem Manöver Kenntnis erhielt, beschloß, dem geplanten Stoß auszuweichen, und die Venezianer zogen sich unter dem Schutz einer starken, zum großen Teil aus Arkebusieren bestehenden Nachhut zurück. Damit konnten sie die Franzosen überflügeln und ihr Manöver vereiteln.

 

Die zweite Etappe der Schlacht - die Abwehr der Angriffe der französischen Vorhut durch die venezianische Nachhut.

An den Zugängen zur Siedlung Agnadello erblickte die venezianische Nachhut die mit ihr in nahezu paralleler Richtung marschierende französische Vorhut. Diese konnte von den Venezianern nicht eher bemerkt werden, da sie durch einen Damm, durch Zäune, Weingärten und Gebüsch gegen Sicht geschützt war.

Der Befehlshaber der venezianischen Nachhut machte eine im ausgetrockneten Bett eines Waldbaches gelegene günstige Abwehrstellung ausfindig. Der Bach wurde von einem Damm umsäumt, der die Ufer gegen Hochwasser schützen sollte. Zu beiden Seiten befanden sich zum Teil von Weingärten bedeckte Höhen. Der Befehlshaber der Nachhut ließ die Geschütze auf dem Damm in Stellung bringen, postierte die Arkebusiere im ausgetrockneten Bachbett und schickte seinem Vorgesetzten einen Bericht, in dem er ihn von der Eröffnung des Kampfes benachrichtigte und um Verstärkung bat.

Die aus Schweizer Fußvolk bestehende französische Vorhut griff die venezianische Nachhut aus der Marschordnung an, wurde jedoch durch Artillerie und Arkebusenfeuer zurückgeschlagen. Darauf stießen die Geharnischten über die Weinberge vor, aber sie erlitten ebenfalls durch das Feuer der Venezianer erhebliche Verluste und mußten sich zurückziehen.

 

Die dritte Etappe der Schlacht ‑ die Verfolgung des zurückweichenden Gegners durch die venezianische Nachhut und der Gegenangriff der Franzosen.

Der Befehlshaber der venezianischen Nachhut nahm, ohne die Ankunft der Hauptkräfte abzuwarten, die Verfolgung der zurückweichenden französischen Vorhut auf, obwohl er nur den Befehl hatte, den Rückzug fortzusetzen. Die Verfolgung verlief zunächst erfolgreich, da die Aktionen der Arkebusiere durch das Gelände begünstigt wurden. Als die Venezianer jedoch die Ebene erreichten, wurden sie von der durch den Gewalthaufen verstärkten dichtgeschlossenen Kolonne der Schweizer und Geharnischten angegriffen. Jetzt war die Überlegenheit auf seiten des französischen Heeres, und die Venezianer erlitten eine Niederlage.

Die Hauptgruppe der Venezianer zog sich, ohne den Franzosen Widerstand zu leisten, auf Verona zurück.

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Die Schlacht bei Ravenna (1512). 

Die politische Konstellation in Italien hatte sich erneut verändert. 1511 schlossen Venedig, der Papst und der spanische König ein Bündnis mit dem Ziel, die Franzosen mit vereinten Kräften aus Italien zu vertreiben. Der deutsche Kaiser schloß mit Venedig einen Waffenstillstand. Die Verbündeten beschlossen, den Krieg in französisches Gebiet zu tragen. Als Ludwig XII. davon erfuhr, ging der französische Oberbefehlshaber, Gaston de Foix, zur Offensive über.

Das spanische Heer setzte sich von Neapel aus in Marsch, und aus der Schweiz rückte zum gemeinsamen Kampf das vom Papst angeworbene Schweizer Fußvolk heran. Aus unbekannten Gründen (vielleicht unter Mitwirkung französischen Geldes) kehrten die Schweizer wieder um. Die Franzosen waren klar überlegen.

Während Gaston de Foix zur Offensive überging, versuchte der spanische Befehlshaber Cardona, der offenbar auf eine Wandlung der politischen Lage hoffte, einer Entscheidungsschlacht auszuweichen. Er rechnete damit, daß sich die Schweizer, der englische König und der deutsche Kaiser auf die Seite der Spanier schlügen.

Das spanische Heer bezog eine starke Stellung am Osthang der Apenninen. Die Franzosen, obwohl zahlenmäßig stark überlegen, entschlossen sich nicht zum Angriff. Das französische Heer zählte 23 000 Mann, darunter 5 000 bis 6 000 deutsche Landsknechte, etwa 5  000 Reiter, und verfügte über 50 Geschütze. Das spanische Heer war nur 16 000 Mann stark. Es hatte 3 000 Reiter und 24 Geschütze. Damit waren die Franzosen ihrem Gegner an Reiterei wie an Artillerie um das Doppelte überlegen.

Während sich die Spanier ohne Schwierigkeiten aus dem befreundeten Land verpflegten, hatten die Franzosen Schwierigkeiten in der Versorgung. Gaston beschloß daher, Ravenna zu erobern. Das französische Heer versuchte, die Stadt im Sturm zu nehmen. Der Sturmangriff wurde abgeschlagen. Aber lange hätte sich Ravenna nicht halten können, da die Franzosen Belagenmgsartillerie einsetzten. Das spanische Heer eilte der Stadt zu Hilfe und bezog südöstlich von ihr eine starke Stellung.

Der Befehlshaber des spanischen Fußvolks, Navarro, wählte eine günstige Defensivstellung, in der Fußvolk und Artillerie ihre Feuerwaffen voll wirken lassen konnten. Die Stellung wurde durch feldmäßige Verteidigungsanlagen verstärkt, durch die Navarro bereits berühmt war. Dieser Anhänger der neuen Kriegskunst hatte jedoch viele Gegner. Die Ritter sahen auf ihn herab und betrachteten ihn als einen den niederen sozialen Schichten entstammenden Emporkömmling. (Navarro war ehemals ein Kaufmann.) Sie waren gegen ihn, weil er sich sehr für das Fußvolk einsetzte:

Die linke Flanke der Stellung des spanischen Heeres wurde durch den Ronco gedeckt, dessen tiefes und schmales Tal die Kampfhandlungen erschwerte. An der rechten Flanke befanden sich Morast, nasse Wiesen und Sümpfe, die ein Hindernis für feindliche Umgehungsmanöver bildeten. Am linken Ufer des Ronco .erstreckte sich ein 300 Meter langer Damm, vor dem ein etwa 600 Meter langer Graben ausgehoben wurde. Dieser Graben endete 40 bis 50 Meter vor dem Roncotal. Dazwischen befand sich eine kleine Anhöhe. Hinter dem Graben wurden eine Anzahl Karren aufgestellt, aus denen dem Feind Lange Spieße entgegenragten. Die gewählte Stellung und die errichteten Befestigungen waren für eine Defensivschlacht bestimmt.

Die Schlachtordnung der Spanier hatte mehrere Besonderheiten. Zwischen den Karren wurden Schützen und Feldschlangen aufgestellt. In der ersten Linie kamen sämtliche Feuermittel zur Entfaltung. In der zweiten Linie nahm tiefgestaffelt das spanische Fußvolk Aufstellung und in der dritten, in zwei Gevierthaufen, die Italiener. Die schwere Reiterei postierte sich an der linken Flanke und die leichte an der rechten. Die gesamte Schlachtordnung wurde frontal durch Verteidigungsanlagen, Arkebusen‑ und Artilleriefeuer gedeckt. Fußvolk und Reiterei verteilten sich frontal und tiefgestaffelt in dichten Haufen, die in der Schlacht zusammenwirken sollten. Die gesamte Frontlänge betrug nicht mehr als einen Kilometer.

Der französische Kriegsrat schwankte noch, ob ein Angriff gegen die starke spanische Stellung gewagt werden könne. Der französische Befehlshaber Gaston beschloß indessen, den Feind anzugreifen, und befahl, einen halben Kilometer von der Stellung der Spanier entfernt eine Brücke über den Ronco zu schlagen.

Als die Spanier entdeckten, daß die Franzosen zum Angriff rüsteten, schlugen sie ihrem Führer vor, aufzubrechen und den Feind beim Flußübergang anzugreifen. Cardona aber beharrte fest auf dem Plan Navarros, den Feind in der starken Defensivstellung zu erwarten.

Am 11. April 1512 setzte das französische Heer beim Morgengrauen über den Fluß und entfaltete sich zur Schlacht. An der rechten Flanke nahm die schwere Reiterei Aufstellung, an der linken die leichte Reiterei und im Zentrum, in drei Gevierthaufen (Landsknechte, Gascogner und Picarden), das Fußvolk. Die Schlachtordnung hatte keine taktische Tiefenstaffelung; Fußvolk und Reiterei entfalteten sich in einer Linie. Das Zentrum wurde etwas zurückgehalten, so daß die Aufstellung einem Halbmond ähnlich war. An der Roncobrücke wurde eine aus 400 Lanzen bestehende Reserve zurückgelassen.

 

Die erste Etappe der Schlacht ‑ die artilleristische Vorbereitung des Angriffs.

Nachdem sich die Franzosen dem Feind auf die wirksame Feuerentfernung der Artillerie genähert hatten, brachten sie ihre Geschütze in Stellung und beschossen die spanischen Truppen. Als der Befehlshaber der französischen Artillerie, Alfons von Este, erkannte, daß das Feuer seiner Geschütze keine genügende Wirkung erzielte, befahl er, die Stellung zu wechseln und eine kleine Erhöhung zu besetzen, von der die Spanier unter Flankenbeschuß genommen werden konnten. Das Kreuzfeuer - das mit frontalem Beschuß kombinierte Flankenfeuer - fügte den Spaniern fühlbare Verluste zu.

Das spanische Fußvolk ging in Deckung, um sich der Feuereinwirkung zu entziehen. Die spanischen Ritter aber, die nicht auf dem Schlachtfeld manövrieren konnten, erlitten. durch die Kugeln der französischen Geschütze erhebliche Verluste und forderten daher von ihrem Führer Colonna den Befehl zum Angriff.

Die spanische Artillerie hatte zwar eine günstige Feuerstellung bezogen, war jedoch schwächer als die französische. Ferner boten die einzelnen Geschütze ein zu kleines Ziel. Ein gezieltes Feuer war nur gegen Gevierthaufen des Fußvolks und die Reiterei möglich.

 

Die zweite Etappe der Schlacht der Kampf der Flügel und die Niederlage der spanischen Reiterei. '

Colonna sandte Navarro und dem Führer der leichten Reiterei, Pescara, die Aufforderung, mit der ganzen Linie gleichzeitig anzugreifen. Das lehnte Navarro ab, da er keinen Grund sah, angesichts der zahlenmäßigen Überlegenheit des Gegners die Vorzüge seiner Defensivstellung preiszugeben. Er beachtete dabei aber nicht die Undiszipliniertheit der Reiterei und ihre starken ritterlichen Traditionen.

Um den Kugeln der feindlichen Artillerie zu entgehen, griffen beide spanischen Flügel die feindliche Reiterei an. Am rechten Flügel holten die Franzosen ihre Reserven heran und schlugen die schwere spanische Reiterei, während die leichte am linken Flügel mit Artilleriefeuer empfangen und von der französischen leichten Reiterei angegriffen wurde. Die Spanier erlitten eine Niederlage.

 

Die dritte Etappe der Schlacht ‑ der Kampf des Fußvolkes

Während an beiden Flügeln der Reiterkampf tobte, fügte die spanische Artillerie dem französischen Fußvolk große Verluste zu. Die Landsknechte, Gascogner und Picarden waren nicht mehr zu halten und griffen an, um den spanischen Kugeln zu entgehen.

Navarro befahl seinem Fußvolk, aus der Deckung zu gehen und zum Gegenangriff zu rüsten. Die Haufen der dritten Linie der Schlachtordnung schlossen auf die vordere auf, und das Ganze warf sich auf den Feind, dessen Angriffsschwung bereits durch die vorausgegangene Salve der Arkebusen erschüttert war. Die Picarden .und Gascogner wichen vor dem Anprall der Spanier zurück, die Landsknechte aber hielten stand und wehrten den Gegenangriff ab.

 

 

Die vierte Etappe der Schlacht die Attacke der französischen Reiterei auf die Flanke des spanischen Fußvolks und die Niederlage der Spanier

Nachdem die Franzosen die spanische Reiterei in die Flucht geschlagen hatten, fielen die französischen Reiter dem spanisch‑italienischen Fußvolk in die Flanke. Gleichzeitig ging das Fußvolk des französischen Heeres, dessen Rückhalt die Landsknechte bildeten, zum Gegenangriff über. Dieser kombinierte Angriff entschied die Schlacht: Das spanische Heer wurde geschlagen.

Die Überreste des spanischen Fußvolks zogen sich in geschlossener Ordnung auf den Roncodamm zurück. Während des Rückzuges wehrten die Spanier einen Angriff der französischen Reiterei ab.

Die veränderte politische Konstellation gestattete es den Franzosen nicht, diesen bedeutenden taktischen Erfolg auszubauen und strategische Ergebnisse zu erzielen. Die Landsknechte wurden vom deutschen Kaiser aus dem französischen Heer abberufen, und die 18 000 Schweizer schlossen sich den Venezianern an. Die Franzosen mußten aus Norditalien abziehen. Damit erlitten sie nach ihrem taktischen Sieg eine strategische Niederlage.

 

Die dritte Periode der Italienkriege (1521‑1559). Kaiser Karl V. war bestrebt, die Franzosen aus Mailand zu vertreiben, und zog die Engländer, den Papst, Mantua und Florenz auf seine Seite. Mit dem König von Frankreich waren nur die Venezianer verbündet. 1521 begann der nächste Italienkrieg, in dem das französische Heer eine Reihe bedeutender Niederlagen erlitt, so bei Bicocca (1522), wo deutsche Landsknechte zum ersten Male die Schweizer besiegten.

 

Fazit:

Obwohl der erste Italienfeldzug des französischen Heeres politisch gut vorbereitet war, mußte die Sicherung der strategischen Erfolge an den Eroberungszielen des französischen Adels scheitern. Die offensive Kampfesweise der Franzosen ermöglichte es ihnen, ihre Kräfte durch den Zuzug von Verbündeten zu verstärken. Hervorzuheben sind die Maßnahmen zur Sicherung der Flanken der operativen Richtung und der Rückzugswege sowie das Zusammenwirken des Landheeres mit der Flotte. Das spricht für die einheitliche, aus der Festigung des Königtums in Frankreich resultierende strategische Führung.

Der Italienfeldzug der Franzosen verwandelte sich praktisch in einen Siegeszug, in eine Demonstration der Stärke des technisch gut ausgerüsteten französischen Heeres. Die taktischen Eigenschaften der Artillerie als neue Waffengattung hatten. allerdings keine Bewährungsprobe in der Schlacht zu bestehen.

Die politische und strategische Situation während des Rückzuges der Franzosen aus Italien war ungünstig. Das Zaudern Karls VIII., der seine Kräfte verzettelte, verschlechterte die Rückzugsbedingungen. So mußte sich das französische Heer kämpfend den Rückzugsweg in die Heimat bahnen. Die in den italienischen Festungen zurückgelassenen Besatzungen unterstanden keinem einheitlichen Kommando und waren daher zu vereinzelten Aktionen verurteilt. Da ihnen die strategische Reserve fehlte, konnten sie nicht lange Widerstand leisten, um so weniger, als die Söldnertruppen einer solchen Aufgabe nicht gewachsen waren.

In der Schlacht bei Agnadello zeigte sich die zunehmende Bedeutung der Feuerwaffen. Mit ihrer Hilfe konnten die Angriffe der kompakten Massen des Fußvolks und der schweren Reiterei zurückgeschlagen werden. Der erfolgreiche Einsatz der Arkebusen war jedoch vom Gelände abhängig, das den Kampf des feindlichen Fußvolks und der Geharnischten erschwerte und die Arkebusiere vor ihren Attacken schützte.

In ihrer günstigen Abwehrstellung war es den Arkebusieren möglich, die feindlichen Angriffe abzuschlagen. Im offenen Feld dagegen waren sie hilflos. Die Abwehrstellung befand sich hinter Erdaufschüttungen, Dämmen und steinernen Einfriedungen, hinter denen die Schützen in aufgeschlossenen Reihen in mehreren Gliedern Aufstellung nahmen. Nachdem der Arkebusier seinen Schuß abgefeuert hatte, zog er sich nach hinten zurück, um seine Arkebuse neu zu laden, während der hinter ihm postierte Schütze des nächsten Gliedes an seine Stelle trat. So konnte eine relative Kontinuität des Feuers aufrechterhalten werden. Diese Methode war einfacher als die komplizierten Märsche und Kontermärsche der Caracole. Das Laden der Arkebusen nahm zehnmal mehr Zeit in Anspruch als das Abfeuern. So war das erste Glied wieder feuerbereit, wenn das letzte seine Kugeln abgefeuert hatte.

Es zeigt sich, wie das militärische Kräfteverhältnis von der politischen Situation abhängt. So wichen die Spanier einer Entscheidungsschlacht aus, weil sie mit einer Veränderung der politischen Situation rechneten. Ein taktischer Erfolg führt nicht immer zu einem positiven strategischen Ergebnis. Ein Beispiel dafür ist die Schlacht bei Ravenna.

Beschränkte man sich bisher darauf, für den Kampf der Arkebusiere und der Artillerie ein geeignetes Gelände auszusuchen, so wurden in der Schlacht bei Ravenna besondere Verteidigungsanlagen errichtet. Die neuen Waffen bedingten die Entwicklung der Feldbefestigung.

Neu in der Entwicklung der Kriegskunst war der Einsatz der Artillerie in der Offensivschlacht, die artilleristische Vorbereitung des Angriffs mit einem besonderen Ziel. Das Ziel bestand darin, die Spanier durch Artilleriefeuer zu zwingen, ihre starke Defensivstellung zu verlassen und vor ihren Verteidigungsanlagen zu kämpfen. Das französische Artilleriefeuer zwang die spanische Reiterei, in die Schlacht einzugreifen.

Neue charakteristische Momente für die Kampftätigkeit der französischen Artillerie waren das Kreuzfeuer und die Bekämpfung der feindlichen Artillerie. Die spanische Artillerie nötigte das feindliche Fußvolk zum Angriff und bereitete mit den Arkebusieren den erfolgreichen Gegenangriff des eigenen Fußvolks vor. Die neue Waffengattung übte wesentlichen Einfluß auf die Eröffnung und den Verlauf der Schlacht aus.

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