Wien‑Kahlenberg 1683

 

Karte zur Schlacht

Die Schlacht  

 Fazit  

 

Die Schlacht am Kahlenberg nördlich von Wien am 12. September 1683 gehört zu den bedeutendsten und folgenreichsten Schlachten der neueren Kriegsgeschichte.

Seit dem 14. Jahrhundert bedrohten die Osmanen, wie die Türken nach dem Begründer ihres Staates, Sultan Osman I. (1259-1326), auch genannt wurden. Ost- und Südosteuropa. 1389 zertrümmerten sie in der Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo Polje) ein serbisches Heer, 1396 bei Nikopolis und 1444 bei Warna Armeen des ungarischen und bulgarischen Staates, denen Ritter aus West- und Mitteleuropa zu Hilfe gekommen waren. 1453 nahmen sie schließlich Konstantinopel (Istanbul) ein und versetzten damit dem Byzantinischen Reich den Todesstoß.

Nach der Eroberung des Balkans zielte das weitere Vorgehen der Türken gegen Ost- und Mitteleuropa. In der Schlacht bei Mohacz (Ungarn) 1526 vernichteten sie ein ungarisch-böhmisches Heer und besetzten große Teile Ungarns. Drei Jahre später erschienen sie erstmals vor Wien.

Ende des 16. Jahrhunderts erstreckte sich das Osmanenreich von dem östlichen Alpenvorland und der Slowakei bis Ägypten und von Persien bis Marokko. Die Kriege im 16. und 17. Jahrhundert offenbarten die militärische Stärke dieses Vielvölkerstaats, allerdings machten sich bereits Stillstands- und Niedergangserscheinungen bemerkbar. Während in weiten Teilen Europas die kapitalistische Entwicklung fortschritt, das Bürgertum erstarkte und wissenschaftlich-technische Neuerungen dem Militärwesen und der Kriegführung zugute kamen, blieben im Osmanischen Großreich solche Ansätze kapitalistischen Wachstums in den Anfängen stecken.

Die militärische Überlegenheit der Osmanen konnte unter diesen Bedingungen nicht andauern. Mahnende Zeichen hatten vor 1683 bereits die türkischen Niederlagen in der Seeschlacht bei Lepanto 1571 und in der Schlacht bei St. Gotthard-Mogersdorf an der Grenze zwischen Österreich und Ungarn 1664 gesetzt. Die Herrschaft der Sultane wurde immer wieder von Aufständen der unterjochten Völker des Balkans und Vorderasiens erschüttert.

1682 spitzten sich die Beziehungen zwischen den Osmanen und dem römisch-deutschen Kaiserreich erneut zu. Das Streitobjekt war Ungarn, dessen größter Teil sich in türkischer Hand befand. Einige ungarische Adlige erstrebten ein Bündnis mit dem Sultan gegen Kaiser Leopold I. (1640-1705) aus dem Haus Habsburg, der zugleich König von Ungarn war. Unter osmanischem Schutz erhob sich der ungarische Feudalherr Imre Thököly (1657-1705) zum Fürsten von Oberungarn und sagte damit praktisch dem Kaiser den Krieg an. 1683 schlug der seit langem schwelende Konflikt in den offenen bewaffneten Krieg um.

Trotz der erwähnten Niederlagen und mancher anderer politischer und militärischer Mißerfolge galt das Osmanische Reich als starke und gefürchtete Militärmacht. Den Kern der Armee bildeten die Janitscharen (neue Truppen), eine mit Blank- und Feuerwaffen ausgerüstete, gut ausgebildete und disziplinierte Infanterie aus Berufskriegern. Ursprünglich rekrutierten sich die Janitscharen aus Angehörigen unterworfener christlicher Völker, die Knaben als Tribut zu stellen hatten. Diese Jungen wurden jahrelang gründlich militärisch. ausgebildet und im Geist des Islam zu fanatischen Kriegern für den Sultan erzogen. Ein Großteil des Heeres bestand aus Reiterei, die reichen Grundbesitzer und ihre Lehnsmänner erschienen beritten, ausgerüstet mit Schutzschild, Lanze, Krummsäbel und Feuerwaffen, sie hießen Spahis und betrachteten sich als Elite der osmanischen Kavallerie. Die Bedeutung der Reiterei war auch die Ursache dafür, daß der Roßschweif als Ehrenzeichen galt und zum Fahnensymbol wurde. Im allgemeinen kündigte der Sultan einen Feldzug dadurch an, daß er in der Hauptstadt oder im Heerlager die Roßschweife in der Zielrichtung „ausstecken" ließ, 1683 also gegen Nordwesten, das hieß Krieg gegen das deutsche Reich.

Die Masse der anderen Reiter bildeten dienstpflichtige Bauern, die vom Sultan für den jeweiligen Feldzug aufgeboten wurden und - im Unterschied zu den Janitscharen und Spahis - keinen Sold erhielten, sie sollten von Beute und Plünderung leben. Diese Krieger führten Pfeil und Bogen, Lanze, Krummsäbel und Streitkolben und kämpften zumeist in aufgelöster Ordnung. Ihren Streifzügen ging der Schreckensruf von „Rennern und Brennern" voraus, vor allem sie gaben Anlaß zu den zeitgenössischen Berichten über die „Türkengreuel" in Europa. Hinzu kamen noch Hilfstruppen der unterworfenen Völker, am Feldzug gegen Wien beteiligten sich neben den osmanischen siebenbürgische, ungarische, rumänische (walachische) und tatarische Truppen.

Berühmt war das türkische Heer seit dem 15. Jahrhundert durch seine starke Artillerie, die von erfahrenen Büchsenmeistern, darunter auch Handwerkern aus europäischen Ländern, bedient wurde; 1683 führten die Türken etwa 300 Geschütze unterschiedlichen Kalibers mit.

Am 31. März 1683 setzte sich die osmanische Armee von Adrianopel aus über Sofia und Belgrad gegen Ungarn in Marsch. Ihr Feldherr war der Großwesir Kara Mustafa (um 1635-1683). Unterwegs stießen zahlreiche Hilfstruppen zu ihr, so daß die Streitmacht eine Stärke von mehr als 200000 Mann erreichte. Der Sultan hatte als Kriegsziel für 1683 nur die Einnahme der Festungen Raab (Györ) und Komorn (Komarno) festgelegt, erst 1684 sollte der Stoß gegen Wien geführt werden. Auf einem Kriegsrat im Juni 1683 änderte jedoch der Großwesir eigenmächtig diesen Plan und befahl den Angriff gegen Wien noch im selben Jahr. Nicht alle türkischen Befehlshaber waren damit einverstanden. Die Armee eroberte im Juni/Juli eine Reihe von westungarischen Orten, schloß Raab ein, verwüstete weite Landstriche und erschien am 14./15. Juli vor Wien.

Kaiser Leopold I. hatte sich im Frühjahr eifrig um militärische Unterstützung gegen den osmanischen Angriff bemüht. Ein Beistandsvertrag mit König Jan III. Sobieski (1629-1696) sicherte polnische Waffenhilfe, auch eine Reihe von deutschen Ländern stellte Truppen für den Kaiser. Ehe jedoch diese Kräfte gegen Wien in Marsch gesetzt werden konnten, vergingen einige Monate. Inzwischen begann Kara Mustafa mit der Belagerung der Stadt.

Bereits 1529 hatte Wien einem osmanischen Sturm getrotzt. In den Jahren bis 1683 waren die Verteidigungsanlagen weiter ausgebaut worden. Ein 12 Meter hoher Wall mit Basteien - starken Artillerie- und Infanteriestellungen - umschloß die Stadt, zwischen den Basteien deckten Vorwerke den Wall und ermöglichten ein lückenloses Beschießen des Vorgeländes. Vor diesen Anlagen war ein zweiter, fast 100 Meter breiter Graben ausgehoben, an dessen Vorderwand sich weitere Artillerie- und Infanteriestellungen befanden. Der berühmte Festungsbaumeister Georg Rimpler (1636‑1683) hatte in den Jahren vor 1683 den Ausbau Wiens geleitet.

 

Eine solche Festung einzunehmen war nicht leicht. Wenn eine überraschende Eroberung mittels List oder Verrats nicht zum Ziel führte, mußte sich der Feind zu einer zeitraubenden Belagerung entschließen. Die Stadt wurde umzingelt, danach hoben Schanzarbeiter Gräben aus, Artillerie traf ein und beschoß die gegnerischen Stellungen. War der erste große Graben eingenommen, so konnte der Belagerer - wenn er die Geschütze vorgezogen hatte - das Feuer gegen den Hauptwall eröffnen und versuchen, eine Bresche zu schießen. Gelang auch dies, dann setzte er seine Infanterie zum Sturmangriff gegen den zerstörten Teil des Walles ein. Die Verteidiger sahen solchen Angriffsvorbereitungen allerdings nicht tatenlos zu, sie unternahmen Ausfälle, beschossen die gegnerischen Stellungen und Schanztruppen und gruben unterirdische Stollen.

So verlief auch die Belagerung Wiens von Mitte Juli bis Mitte September 1683. In der Stadt leisteten 11000 Angehörige des kaiserlichen Heeres, 20 Kompanien der Bürgerschaft und 3 Kompanien Studenten, insgesamt etwa 20000 Mann mit 370 Geschützen, zähen Widerstand. Den Befehl führte der kaiserliche General Ernst Rüdiger Graf von Starhemberg (1638-1701), der vom Bürgermeister Andreas Liebenberg (um 1627-1683) und von der Bevölkerung Wiens tatkräftig unterstützt wurde. Fast drei Wochen benötigten die Belagerer, um über das Vorfeld bis zum breiten Graben zu gelangen. Heftige Kämpfe entbrannten um die Vorwerke. Nachdem die Türken im Graben festen Fuß gefaßt hatten, richteten sie den Hauptstoß gegen die Burg- und die Löbelbastei im westlichen Teil des Verteidigungsgürtels. Mehrfach unternahmen die Belagerten Gegenstöße und drängten den Feind an einigen Stellen zurück. Im September verschlechterte sich trotz örtlicher Erfolge die Lage der Verteidiger; Hunger und Krankheiten schwächten die Truppen und die Einwohner. Aber auch die militärische Situation der Osmanen wurde kritisch; denn es gelang nicht, in der erhofften kurzen Zeit die Stadt einzunehmen und die Beutegier der Truppen zu befriedigen. Krankheiten und Mangel an Verpflegung untergruben die Disziplin. Bis Mitte September verlor die türkische Armee schätzungsweise 48000 Mann, zumeist aus Kontingenten der Hilfstruppen, die eigenmächtig von Wien abzogen.

Das kaiserliche Entsatzheer sammelte sich Anfang September im Raum Tulln nordwestlich von Wien. Zu ihm gehörten österreichische, kursächsische und bayrische Truppen sowie kleinere Einheiten südwestdeutscher Fürstenstaaten; von Krakau (Krakow) war eine polnische Armee im Anmarsch. Der Kriegsrat der Entsatzarmee beschloß am 8. September, alle Kräfte auf das rechte Donauufer zu überführen, zügig in Richtung Wien vorzustoßen und die Stadt zu befreien. Ursprünglich hatte man geplant, die Donau erst unterhalb von Wien zu überschreiten und von Osten her die Belagerer anzugreifen. Aber dabei war nicht beachtet worden, daß der Aufmarsch zur Schlacht dann in einem Gebiet hätte erfolgen müssen, wo starke Hilfstruppen der Osmanen operierten. Eine unverzügliche Hilfe für Wien versprach nur der direkte Angriff von Westen her. Den Oberbefehl über die Entsatzarmee übernahm der polnische König, der hohes Ansehen als Heerführer genoß. Bewaffnung, Ausbildung und Taktik der verbündeten Truppen waren einheitlicher als beim Gegner. Unverkennbar wirkte 1683 - wie in den folgenden Türkenkriegen bis zum Ende des 18.Jahrhunderts - ein politisch-moralischer Faktor: Die deutschen und polnischen Truppen fanden Hilfe bei der Bevölkerung, die im Entsatzheer den Befreier von der „Türkennot" erblickte.

             W - Wien;  T - Türken;  D - Deutschen

Am 11. September erreichte die Entsatzarmee den nördlichen Ausläufer des Wienerwalds. Sie bildete im Wald-Hügel-Gelände ihre Schlachtordnung aus 3 Treffen. Als Treffen wurden die nebeneinander aufgestellten Infanteriebataillone und Kavallerieeskadronen bezeichnet; hinter dem ersten Treffen stand meist 100 bis 150 Meter entfernt ein zweites Treffen, manchmal auch - wie hier - noch ein drittes. Die hinteren Treffen waren dazu bestimmt, die Verluste des ersten Treffens auszugleichen.

Stärke der Entsatzarmee bei Tulln am 7./8. September 1683:

Truppen                Infanterie    Kavallerie    Geschütze       Gesamtstärke

                                                                                                                   mit Artilleriepark

 

Kaiserliche               8 100           12 900             70            rund 22 000

Sachsen                  7 000             2 000             16            rund 10000

Bayern                     7 500             3 000             26            rund 11000

Südwestdeutsche

Fürstentümer          7 000              2 500             12            rund 10000

Polen

(im Anmarsch) ca.   10 000  über  14 000             28             rund 26000

 

Am linken Flügel, zwischen der Donau und dem Kahlenberg, marschierten die kaiserlichen und die sächsischen Truppen auf, im Zentrum zwischen Kahlenberg und Hermanns Kogel die bayrischen und anderen süd- und südwestdeutschen Kräfte, am rechten Flügel die Polen und einige deutsche Regimenter. Die Verteilung der Truppen war annähernd gleich, am rechten Flügel überwog die Kavallerie, da hier das Gelände leichter passierbar war als zwischen Donau und dem Hermanns Kogel. Der Schwerpunkt des Angriffs lag zunächst am linken Flügel und im linken Teil des Zentrums. Diese Truppen hatten den kürzesten Weg zum feindlichen Belagerungsring. Der polnische König wollte dann mit einem großen Kavallerieangriff des rechten Flügels das osmanische Heer in die Flanke treffen und es an die Donau zurückwerfen. Der Aufmarsch des rechten Flügels erforderte mehr Zeit; denn hier gab es nur wenige Wege, die Kavallerie kam langsamer voran als die Infanterie.

Auf die Kunde vom Anmarsch des Entsatzheers begann Kara Mustafa eilig seine Truppen umzugruppieren, versäumte jedoch, die wichtigen Bergkuppen Kahlenberg und Hermanns Kogel mit stärkeren Kräften zu sichern. Die osmanische Streitmacht bezog eine 7 bis 8 Kilometer lange Stellung von der Donau bis Dornbach. 25 000 bis 35000 Mann blieben in den Gräben zurück, um die Belagerung fortzusetzen; die zahlenmäßige Stärke des türkischen Feldheers ist nicht genau bekannt, sie dürfte bei etwa 80000 bis 85000 Mann gelegen haben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die  Schlacht

Die Schlacht entbrannte am Morgen des 12. September mit dem Angriff des linken Flügels der Entsatzarmee. Nur Schritt für Schritt gewannen die kaiserlichen und sächsischen Truppen - die Kavallerie kämpfte zumeist abgesessen - Raum gegen den starken Widerstand. Durch Gegenangriffe hinderten die Osmanen sie vorübergehend am Vordringen. Inzwischen hatte das Zentrum der Entsatzarmee die Türken bei Nußdorf und Heiligenstadt in blutigen Kämpfen zum Zurückweichen gezwungen. Aber es gelang nicht, den Erfolg auszuweiten, erneute Vorstöße hielten das Zentrum auf und warfen es stellenweise wieder zurück, so daß Kavallerie vom linken Flügel zur Verstärkung herangeholt werden mußte. Erst gegen Mittag vermochten die kaiserlichen, sächsischen und bayrischen Truppen den Gegner aus Nußdorf und Heiligenstadt zu vertreiben.

Der rechte Flügel des Entsatzheers konnte nicht vor Mittag angreifen. Die zügig attackierende polnische und deutsche Kavallerie drang in die Aufstellung des linken osmanischen Flügels ein, wurde aber zurückgeworfen. Am Nachmittag faßte der polnische König die Masse der hier kämpfenden Kavallerie zu einem großen Angriff zusammen.

20 000 Reiter stürzten sich auf den Gegner und schwenkten dann gegen das türkische Zentrum ein. Auch der linke Flügel des Entsatzheers, der den beginnenden Rückzug vor seiner Front erkannte, vollführte eine Rechtsschwenkung und griff das osmanische Zentrum an. Spahireiter und Janitscharen leisteten erbitterten Widerstand, Kara Mustafa ließ die grüne Fahne des Propheten entrollen, um den Mut und Fanatismus seiner Krieger anzustacheln. Aber die Flankenangriffe der Verbündeten zertrümmerten die osmanische Aufstellung. Auf dem linken Flügel floh die Reiterei des Khans der Krimtataren vom Schlachtfeld und riß andere Truppen mit. Das osmanische Heer befand sich am Abend des 12. September in voller Auflösung und Flucht, gegen 17 Uhr erreichten die Verbündeten die türkischen Gräben und danach die nördlichen Stellungen der Verteidiger Wiens.

Im Tagebuch des Zeremonienmeisters am Sultanshof (sein Name ist unbekannt), der 1683 am Feldzug teilnahm, heißt es über die Schlacht:

„Als nun die Truppen um den Großwesir sahen, wie der Feind auf beiden Seiten stürmend vordrang und das Heer des Islams sich zur Flucht zu wenden begann, da schwand jedem von ihnen die Kraft und die Lust zu Kampf und Streit und es stellten sich die Anzeichen jener Verwirrung ein, die immer eine Niederlage im Gefolge hat.

Da der Polenkönig mit seinen Truppen geradewegs gegen die heilige Fahne vorstieß, stieg der Großwesir zu Pferde, und zu seiner Rechten und Linken hielten sich die Leute seines Gefolges, der Scheich Vani Efendi sowie die Sipahi und Silihdars (Leibwache) bereit. Während die Paschas auf beiden Flügeln schon zurückzuweichen begannen, stand im Herzen des Heeres der Großwesir mit seiner Umgebung fest und unerschüttert. Aber die Angriffe der Giauren (Ungläubige, das heißt die Feinde der Osmanen) wurden immer stärker, der Kampf nahm an Heftigkeit ständig zu und zog sich bereits fünf oder sechs Stunden hin; das Heer des Islams wurde von den Kugeln aus den Geschützen und Flinten der Feinde wie mit einem Regen überschüttet. Da erkannten die Muslims, daß alles verloren war . Kämpfend und fechtend wandten sich die Massen der Krieger in der Umgebung des Großwesirs zur Flucht; die meisten flohen geradewegs zu ihren Zelten hin und dachten nur noch daran, ihr Leben und ihre Habe zu retten."

Damit war die zweimonatige Belagerung der Stadt beendet. Das verbündete Heer blieb die Nacht über im osmanischen Lager, der polnische König sah auf Grund seiner Kriegserfahrungen in der raschen Flucht des Gegners eine List und befürchtete nächtliche Gegenangriffe. In der Schlacht hatte ein junger Adliger seine Feuertaufe erhalten, dessen Name bald zu einem Siegessymbol in den Kriegen gegen die Osmanen und gegen Frankreich werden sollte: Prinz Eugen von Savoyen (1663‑1736).

Dem Entsatzheer fiel reiche Beute in die Hand: Geschütze und Belagerungsgeräte, Fahnen und Roßschweife, die türkische Zeltstadt mit allen Gütern und Schätzen an Gold, Silber und Schmuck sowie der Harem des türkischen Großwesirs. Die Sieger verloren etwa 2 000 Tote, andere Quellen sprechen von 4 000. Von den Belagerern blieben nach unterschiedlichen Angaben ‑ 20 000 bis 25 000 tot oder verwundet auf dem Schlachtfeld liegen; viele Soldaten, Schanzgräber und Angehörige des Trosses gerieten in Gefangenschaft. Die gesamte osmanische Heeresmacht hatte eine schwere Niederlage hinnehmen müssen. Zuverlässige Janitscharen und Spahireiter hielten die flüchtende Masse vor Raab und auf dem Weg nach Budapest auf. Großwesir Kara Mustafa verfügte am 13. September harte Strafen gegen Befehlshaber, die versagt oder die Flucht ergriffen hatten, 13 von ihnen wurden hingerichtet und ihre abgeschlagenen Köpfe an Sultan Mehmed IV. (1641-1692) nach Belgrad gesandt. Dies hinderte allerdings den Sultan nicht, auch Kara Mustafa die seidene Schnur zu schicken - eine Aufforderung, Selbstmord zu begehen und so die Schuld an der Niederlage auf sich zu nehmen.

 

 

Fazit:

Politisch bedeutete der Sieg bei Wien die unumkehrbare Wende im Verlauf der habsburgisch-osmanischen Auseinandersetzungen. Im Krieg von 1683 bis 1699 verloren die Türken ganz Ungarn und Siebenbürgen, der Frieden zu Karlowitz (1699) bestätigte dieses neue Kräfteverhältnis. Österreich, der Staat der Habsburger, stieg zur europäischen Großmacht auf, deren Expansion sich von nun an auch nach Südosten richtete. „Die Türkenfurcht, die Europa seit der Katastrophe von Nikopolis 1396 wie ein Trauma im Bann gehalten hatte", schreiben die Historiker Ernst Werner und Walter Markov, „war endgültig vorbei, der Rückzug der Osmanen aus Europa hatte begonnen, das einstige Weltreich sank ganz allmählich, aber unaufhaltsam zu einem Objekt europäischer Großmachtpolitik herab, auch wenn es sich noch zu einigen neuen Kraftanstrengungen aufzuraffen vermochte."

 

                                       

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